© Rainer Wulff (Mai 2014, aktualisierte Version)

"Die alten Zähne wurden schlecht,
und man begann sie auszureißen,
die neuen kommen gerade recht,
um damit ins Gras zu beißen."

Heinz Erhardt hat es erkannt: Das sind die wahrhaft wichtigen Dinge, mit denen man sich im Alter befasst: Zahnersatz, Rollator und Treppenlift. Und die Frage: Was kommt danach? Womit ich gar nicht mal unser leibhaftiges Ende meine, also was mit uns nach Feststellung des Hirntods passiert, sondern: Was machen die Hinterbliebenen mit unseren merkwürdigen Hinterlassenschaften?

Treppenlifte haben in der Regel ein längeres Haltbarkeitsdatum als der Erstbesitzer,- das liegt in der Natur der Sache. Darum kann man sie auch leasen. Und wenn die Tochter Vaters Seniorenschaukel mangels eines Fahrgastes endlich weiterverkaufen kann, dann gilt das Motto: Lippenstift statt Treppenlift. Der Rollator kann auch bei Ebay angeboten werden, was die vom Erblasser hinterlassenen Schulden mindert. Aber was macht man nur mit den dritten Zähnen? Teuer genug waren sie ja! Mein Tipp: Einfach zu Halloween an der passenden Stelle im ausgehöhlten Kürbis einsetzen, - das wirkt: lebendig und authentisch! Und dann diese Ähnlichkeit mit Opa,- Gott hab‘ ihn selig!

Ja, das sind die existentiellen Sorgen meiner Generation. Bodenständig! Nicht wer in der Ukraine ins Gras beißen muss, oder ob der FC St. Pauli irgendwann mal deutscher Meister wird. Obgleich, - das würde mich schon interessieren! Und dafür würde es sich sogar lohnen, noch ein paar Jahre oder gar Jahrzehnte am Millerntor den Stadionsprecher zu spielen ggfs. mit künstlichen Gelenken und implantierten Organen. „Schon wegen der Neugier ist das Leben lebenswert“, sagt ein jüdisches Sprichwort. Jedoch um St. Paulis Meisterfeier noch erleben zu können, müsste es ja so etwas wie ein „ewige Leben“ geben. Aber der Schriftsteller Kurt Schwitters hatte ja Recht: „Die Unsterblichkeit ist nicht jedermanns Sache.“ Und ewiges Leben, das ist, wie Karl Marx formulierte, eine unverantwortliche „Vertröstung der Unterdrückten“, eine Feststellung, die er offenbar ganz speziell allen Fans der Braun-Weißen hinterließ… für Gegenwart und Zukunft.

Seit meiner Jugend lese ich gerne Todesanzeigen in der Tageszeitung. Viele, nur bislang noch nicht meine eigene, wie man sich denken kann. Nein, keine heimliche nekrophile Veranlagung steckt dahinter. Vielmehr interessierte ich mich schon damals vor allem für die Geburtsdaten der Betrauerten. Aus welcher Zeit stammten die frisch Verblichenen? (Frisch waren sie zwar nicht mehr, aber zumindest noch nicht unter der Erde.) Die waren, als ich jung war, meist noch aus dem 19. Jahrhundert und für mich nachahmenswerte Beispiele eines schier endlos erscheinenden irdischen Daseins. Die hatten sogar den 1. Weltkrieg überstanden! Da würde ich doch wohl meine Masern, Windpocken oder den Ziegenpeter überleben, zur Not auch alle drei Krankheiten gleichzeitig!

Und ich lese solche Annoncen immer noch. Oft steht da:

-        In stiller Trauer (was man in südlichen Ländern dieser Erde vermutlich eher selten schreibt)

-        Wir werden unseren geliebten Verstorbenen nie vergessen. (Stimmt, wartet mal die Testamentseröffnung ab!)

-        Leider viel zu früh verstorben (Die gegenteilige Formulierung Leider viel zu spät verstorben vermisse ich bis heute.)

Vielleicht kann man ja diese kleine Bosheit auf dem Museumsfriedhof in Kramsach in Tirol finden, wo es die weltweit größte Sammlung kurioser Grabinschriften gibt. Einige Exponate waren vor einigen Jahren sogar auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg zu belächeln. Ich wohne an einem der Seiteneingänge, woraus man wiederum keine abwegigen Schlüsse ziehen sollte. Was heißt hier „Exponate“? Ein riesiger Haufen schwerer alter Grabsteine wurde eigens nach Hamburg befördert, ohne die vermoderten Reste ihrer Bezugspersonen natürlich, aber mit Sprüchen, die alle Friedhofsbesucher schmunzeln ließen, sofern ihnen der Humor nicht bereits vergangen war.

Hier liegt der Gruber Florian,
der hat ein Leid sich angetan,
indem er heftig sich erschoss,
was hinterher ihn arg verdross.

Der folgende Grabspruch erinnert an einen „Brunzer“. Mein Lexikon verrät, dass Brunzer mit Pisser zu übersetzen ist, also sowas wie Kevin Großkreutz, der in eine Berliner 5-Sterne-Herberge nach verlorenem Pokalfinale und anschließendem Frust-Genuss alkoholischer Erfrischungsgetränke mit Überdruck im Unterleib die Marmorsäule in der Hotelhalle gewässert hat. Ein Vorgang übrigens, der etwas älteren St. Paulianern bekannt vorkommt, wenn sie an die eigene Vereinsgeschichte denken…Carsten Pröpper…damals im spanischen Trainingslager, als…ach, lassen wir das, denn am nächsten Morgen war die Hotelhalle ja wieder picobello sauber. Dafür gab’s damals schon Meister Pröpper.

Aber zurück zum toten Brunzer:

Hier ruht der Schuster von Lechleithen,
er starb an einem Blasenleiden,
er war schon je ein schlechter Brunzer,
drum bet‘ für ihn ein Vaterunser.

 Es ging sogar noch einen Tick deftiger und politisch unkorrekter:

Hier ruht nach langer Agonie
Die ehrsame Jungfrau Marie.
Gestorben ist sie im 17. Jahr,
just als sie zu gebrauchen war.

Ein Ehemann ließ bereits vor seinem Ableben vom Steinmetz einen nur aus zwei Wörtern bestehenden Text auf seinen Grabstein meißeln:

Endlich allein!

Er konnte ja nicht ahnen, dass die ihm wenig später folgende Gattin darauf prompt reagieren würde. Sie ließ sich auf dem Gemeinschaftsgrab beerdigen und gab zuvor dem Steinmetz einen zweiten Auftrag. Neben dem „Endlich allein!“ steht nun:

So kann man sich irren!

Diese Anekdote gehört übrigens zum Repertoire eines Theologen aus der Pfalz, der Hospizmitarbeiter auf ihren schweren Beruf vorbereitet. Humor, so glaubt er, baue Todesängste ab und stärke den Überlebenswillen. Darum hat er sicher auch keine Einwände, dass in einem ähnlichen Fall (hier war zuerst die Frau verschieden und der Mann folgte alsbald) auf dem Grabstein stand:

Wie im Leben: Oma rief – Opa kam!

Die Todesursache erfährt der Friedhofsbesucher dagegen durch den folgenden Grabspruch:

Die Schlucht war tief, der Aufprall hart,
was man noch fand, liegt hier verschart.

Oder im Facebook-Zeitalter:

Hier ruht Helga Krasemann. 165 Personen gefällt das!

Zum Tod ihrer Putzfrau schrieb eine Familie: „Sie kehrt nie wieder.“

Und eines Vegetariers gedachte man mit der Grabinschrift: „Zum letzten Mal ins Gras gebissen!“

Im Hamburger Abendblatt wurde ein Vater betrauert: „Zwei Hände und ein Herz hörten auf zu schlagen.“

Wie man mitten aus dem Leben gerissen werden kann, macht auch dieser Text deutlich:

Elke ist tot. Sie starb ganz plötzlich. Auf ihrem Herd stand noch frisch gekochte Spargelsuppe.

Oft geben Unternehmen und Behörden Todesanzeigen auf, wenn verdiente Mitarbeiter das Zeitliche gesegnet haben. Dann ist meist von Pflichtbewusstsein, Fleiß und Loyalität die Rede.

Unser stets bemühter Kollege Max Hagemann ist in der 23. Kalenderwoche unverhofft eingeschlafen. Wir sind unfassbar!

Die christliche Lehre wird neu geschrieben, wenn es heißt:

Gott der Herr hat unseren lieben Vater zu sich und seiner Frau geholt.

Und falsche Tränen werden gelegentlich auch geweint, wenn wir unserer Toten gedenken. So beschrieb ein Witwer seine Trauer:

Tränen können sie nicht wieder lebendig machen. Darum weine ich.

Wilhelm Ucksche, Zeit seines Lebens glühender Anhänger des FC St. Pauli, erlangte im vergangenen Winter gewissermaßen „post mortem“ zu einer Berühmtheit: „St. Pauli in der 3. Liga? Das will ich nicht erleben!“, so wird er in der Todesanzeige zitiert. Und dann schrieb die Familie: „Muss er auch nicht. Gott sei Dank!“

Bei der Lektüre solcher Annoncen fällt mir schon allzu lange auf, dass die Geburtsjahre der Toten längst nicht mehr mit der Zahl 18 beginnen, sondern meist mit einer 19. Das irritiert mich, vor allem, wenn mein Jahrgang 1943 genannt wird. Das ist jedes Mal ein Gefühl, als wenn bei der Lottoziehungdie falschen Zahlen gezogen werden.

Als Stadionsprecher habe ich ja schon oft Nachrufe schreiben und um Gedenkminuten bitten müssen. Und sogar für meinen eigenen Grabstein habe ich schon einen passenden Text gefunden. Immerhin muss man ja davon ausgehen, dass man eine längere Zeit von seinem Grabstein umgeben ist, als zuvor von der Familie. Mein Grabspruch sollte lauten:

Hier liegen meine Gebeine,
ich wollt‘, es wären Deine!

Jetzt halt‘ ich aber lieber meine Klappe. Um es diesem Thema gemäß auszudrücken: Kein Sterbenswörtchen mehr! Ich muss mich nämlich schonen, um fit zu bleiben für die Meisterfeier des FC St. Pauli, irgendwann…in Ewigkeit. Amen!