© Rainer Wulff (Juni 2014, vor der WM, geschrieben für Spiegel Online)

„Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen, Rahn schießt: Tor! Tor! Tor!“

Nein, meine Geschichte beginnt etwas anders: »Schuss von Rahn – abgeblockt, Nachschuss – erneut abgeblockt. Und da ist Schäfer: Tor! Ein scharfer Schuss, unhaltbar, 3:1 für Deutschland.«

So habe ich Rundfunkreporter Rudi Michel in Erinnerung, der das nationale Fußballglück in die Welt hinaus schrie, als er am 28. März 1954 aus dem Saarbrücker Ludwigsparkstadion für den Südwestfunk (und »die angeschlossenen Sender«, wie es immer hieß) das letzte Spiel der Qualifikationsrunde zur Fußballweltmeisterschaft zwischen dem Saarland und der Bundesrepublik Deutschland übertrug. Ja, das Saarland hatte es in der Hand gehabt, das viel zitierte »Wunder von Bern« zu verhindern! In der politischen Nachkriegsordnung war dieser Zwergstaat eine Art »französisches Protektorat« mit eigener Verfassung und Staatsbürgerschaft und auch mit eigener Nationalmannschaft. Und die trainierte ein ehemaliger deutscher Nationalspieler, nur 38 Jahre alt, Helmut Schön, jener Typ mit der legendären Mütze also, der die deutsche Mannschaft 20 Jahre später zum Weltmeistertitel im eigenen Land führen sollte.

Ich war damals 11, wuchs in Malente-Gremsmühlen auf und lauschte im Wohnzimmer meiner Tante dem Reporter, dessen aufgeregte Stimme knisternd und knatternd aus dem Volksempfänger tönte, der noch aus Vorkriegsjahren stammte. Ein Fußballfan war ich zu jener Zeit noch nicht,- abgesehen davon, dass der Begriff „Fan“ noch nicht zum deutschen Vokabular gehörte. Die Kicker des örtlichen TSV fristeten ein kümmerliches Dasein in der Kreisklasse, nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Fußballverrückt wurden wir alle erst, als sich nach der WM-Qualifikation eine schier unglaubliche Nachricht wie ein Lauffeuer verbreitete: Die Nationalmannschaft unter ihrem Trainer Sepp Herberger wird ihr Trainingslager in Malente aufschlagen. Vor dem Schweizer Abenteuer also ein Ausflug in die ebenso beschauliche kleinere Schweiz, die Holsteinische.

Erst wenige Jahre zuvor war die idyllisch zwischen dem Kellersee und dem hügeligen Bergengehölz gelegene (aus heutiger Sicht spartanisch eingerichtete) Sportschule gebaut worden, inklusive eines respektablen Stadions mit richtigen Stehtraversen.

Bereits 1952, war ich in den Sommerferien nahezu täglich im Stadion gewesen, als sich dort die deutschen Leichtathleten auf die Olympischen Sommerspiele vorbereiteten.

Nun also hießen meine neuen Lieblinge Fritz und Ottmar Walter, Toni Turek, Horst Eckel und Jupp Posipal, die mir bereitwillig ihre Namen auf eine aus meinem Schulheft gerissene Seite kritzelten. Und fast hätte sich noch ein mir Unbekannter mit seiner Unterschrift verewigt. Schuld hatte mein Onkel, der mich begleitete und sich einen Spaß daraus machte, mich zu einem unscheinbaren Männlein zu schicken, das Tag für Tag im Trainingsanzug am Rande des Platzes stand. »Das ist ein ganz berühmter Fußballspieler«, machte mich mein Onkel heiß: »Von dem musst Du dir unbedingt auch ein Autogramm holen!« Gesagt, getan! Der irritierte Mann aber stellte klar: »Mien Jung, ick bün blot de Platzwoart“.

Bald schon reiste unsere Mannschaft in die Schweiz und nahm Quartier im Hotel »Belvedere« in Spiez am Thuner See, Ausgangspunkt für die Spiele in Bern, Basel, Zürich und Genf. »Fern der Heimat«, wie die Reporter formulierten, die, wie einst in Stalingrad immer noch das Kriegsberichterstatter-Pathos pflegten und gerne „Grüße in die ferne Heimat« richteten, wenn sie das grenznahe Deutschland meinten.

Bei uns zuhause hatten wir kein Radio. Und so erlebte ich die Spiele bei einem Schulfreund, dessen Eltern eine lackierte Radiotruhe besaßen mit eingebautem Plattenspieler und Getränkefach als praktische Hausbar.

Dann nahte das Endspiel! Deutschland gegen Ungarn, gegen jene Wundermannschaft um Kapitän Ferenc Puskás, die uns in der 1. Runde mit einem demütigenden 3:8 das Fürchten gelehrt hatte. Dieses Finale wollte ich mir dennoch nicht entgehen lassen. Diesmal wollte ich jedoch nicht nur am Radioempfänger der Stimme von Herbert Zimmermann lauschen, sondern das Spiel meiner „großen neuen Freunde“ mit eigenen Augen sehen. Nur kannte ich leider niemand, der einen Fernseher besaß.

Es sprach sich jedoch schnell herum, dass im alten Hotel »Bellevue«, das seine Glanzzeit noch im Kaiserreich erlebt hatte, die Moderne in Form eines Fernsehgeräts Einzug gehalten hatte. Unsere Mannschaft im Hotel »Belvedere« in Spiez, ich im Hotel »Bellevue« in Malente-Gremsmühlen, - das passte! Als elfjähriger Steppke hätte ich jedoch keine Chance gehabt, die Herberge mit dem verheißungsvollen Namen allein betreten zu dürfen. Also musste ich meine alleinstehende Mutter überreden, und sie musste sich überwinden und ihren Sohn begleiten.

Am Sonntag den 3. Juli 1954 um 17 Uhr sollte die Begegnung im Berner Wankdorfstadion vom englischen Schiedsrichter William Ling angepfiffen werden.

(Dass der Unparteiische sieben Minute zu früh den Ball freigab und sich die Reporter der Fernseh- und Rundfunksender aus aller Welt quasi ins Spiel hineinmogeln mussten, gilt als Kuriosität der WM-Geschichte und zeigt, dass das Medienzeitalter damals noch nicht wirklich begonnen hatte.)

Ich hatte meine Mutter Tage zuvor bereits darauf aufmerksam gemacht, dass es sinnvoll wäre, frühzeitig im Festsaal des Hotels ein Plätzchen zu suchen. Denn möglicherweise kämen ja auch andere Menschen auf die Idee, sich dort das Endspiel anzuschauen. Meine Mutter konnte sich zwar nicht vorstellen, dass noch jemand so verrückt sein könnte wie ihr merkwürdiger Sohn. Meiner Überredungskunst konnte sie aber nicht widerstehen, und so trafen wir bald nach dem Mittagessen im »Bellevue« ein. Der große Saal bereits zu diesem frühen Zeitpunkt rauchgeschwängert, Bierdunst in der Luft, schwitzende Männer in lautstarke Gespräche über die mögliche Aufstellung vertieft. Wir fanden die letzten zwei freien Sitzplätze. „Public Viewing“ 1954.

Über das Befinden meiner Mutter gibt es folgendes zu sagen: Die Frau Mama hasste Zigarrenrauch. Auch Biergeruch war ihr zuwider, genau wie heftig transpirierende, im Verlaufe des Tages auch noch angetrunkene Männer. Und sie war sehr kurzsichtig und hatte deshalb auch keine Chance, irgendetwas auf dem winzigen Schwarzweiß-Bildschirm erblicken zu können. Nun gut, - es hätte sie auch nicht wirklich interessiert! Um es vorweg zu nehmen: Sie hielt tapfer durch. Dass sie im überfüllten Saal die einzige Frau war, sei nur am Rande erwähnt. Eine „frauenfreie Zone“, das war damals bei Fußballspielen eine Selbstverständlichkeit.

Ich habe jetzt eine Weile recherchieren müssen, um rauszukriegen, wer damals der Fernsehreporter war: Bernhard Ernst, und der hatte bereits 1925 im Radio das erste live übertragene deutsche Fußballspiel kommentiert. Und so klang er auch! Darum wohl wurden die bis heute immer wieder gern gezeigten Bilder vom Endspiel später unterlegt mit dem mitreißenden Hörfunk-Ton des legendären Herbert Zimmermann, dessen Wortlaut seiner Reportage - zumindest der letzten Spielminuten - ich bis heute nahezu auswendig hersagen kann.

Der weitere Verlauf des Nachmittags ist schnell erzählt: Dauerregen in Bern, Sonnenschein in Malente, frische Luft im Wankdorfstadion, immer mehr Bierschwaden und Zigarettenqualm in meinem Hotel.

Von »Bellevue«, also von schöner Sicht auf den winzigen Bildschirm, keine Rede. Und nach frühem 0:2-Rückstand hieß es am Ende 3:2, weil Rahn dann doch noch aus dem Hintergrund schoss, was meiner Mutter blaue Flecken von sie heftig knuffenden Kerlen eintrug.

Nach dem Finale von Bern diagnostizierte der „SPIEGEL“ uns Deutschen ein durch diesen unerwarteten Triumph verändertes Bewusstsein. Zitat: „Vor aller Welt gaben sie sich, als hätten sie nun nach zwanzighundertjährigem geschichtlichem Irrweg den alleinigen verheißungsvollen Sinn und die wahre Bestimmung ihrer nationalen Existenz entdeckt. Deutschland erhob sich, und Europa erbebte…“

Noch Jahrzehnte lang schickte der DFB fortan vor jeder Welt- und Europameisterschaft seine Spieler (ein wenig auch aus Aberglaube) in die Sportschule am Bergengehölz, die inzwischen „Uwe Seeler Fußball-Park“ heißt. Der oft zitierte »Geist von Malente« mag auch zu späteren Erfolgen beigetragen haben.

»Malente macht Meister«, so heißt heute das Motto dieser Sportschule, die täglich noch von fußballnostalgischen Touristen heimgesucht wird, die andachtsvoll jeden Grashalm zu betrachten scheinen, so dass man geneigt ist, sogar vom „Heiligen Geist von Malente“ zu sprechen.

Eine ganz persönliche Überlegung am Ende dieser Geschichte: Ich sollte doch mal unserem Trainer den Rat geben, dort ein Trainingslager mit dem FC St. Pauli abzuhalten. Vielleicht erlebe ich dann doch nochmal, dass Malente Meister macht, – es müssen ja nicht immer gleich Weltmeister sein!