© Rainer Wulff (August 2015)

Wer sich im Fußball nicht auskennt, glaubt vielleicht dem Witz mit Bart, dass Schiedsrichter nur 22 cm groß sein dürfen, weil sie doch stets auf Ballhöhe sein müssen. Der Stadionsprecher muss das nicht. Der muss über den Dingen stehen bzw. thronen, nämlich mit Blick über Spielgeschehen und Zuschauer ganz oben unterm Stadiondach in der Sprecherkabine. Dennoch werde ich, genau wie die Schiedsrichter, immer mal wieder nach meiner eigenen Spielerkarriere gefragt. Zwangsläufig muss ich, sagen wir, mit einer gewissen Zurückhaltung antworten. Die Karriere hat nämlich nie so recht begonnen.

An meinem Gymnasium im ostholsteinischen Eutin, einer reinen Jungsschule, war Fußball verpönt, galt als Proll-Sportart, unziemlich für höhere Schüler. Geräteturnen war angesagt, weil der leitende Sportpädagoge im 3. Reich zum Kader der deutschen Riege gehört hatte und nun gewillt war, jeden von uns zu einem würdigen Nachfolger zu drillen. Selbst ich, mit 15 Jahren schon über 1,90 lang, musste mich folglich an Reck und Barren quälen, schlaff in den Ringen hängen oder mich beim Bodenturnen beim vergeblichen Versuch eines Flicflacs wie ein totes, abgehangenes Stück Fleisch auf der Matte räkeln. Über die pädagogischen Methoden des gestrengen und eisenharten Studienrats schweige ich lieber. Es genügt, wenn man den Nachnamen des Mannes kennt. Er hieß Knüppel und überzeugte auch sonst durch schlagkräftige Argumente. Jahre später, ich war schon Redakteur beim NDR, traf ich den inzwischen pensionierten Un-Pädagogen, dem man noch im Alter seinen sportlichen Lebensweg ansehen konnte, nach einem Fußballspiel am Ausgang des Kieler Holsteinstadions. Er erkannte mich, seinen wohl ungelehrigsten Schüler, sofort wieder und sagte mit leuchtenden Augen: „Ich wusste ja immer, dass aus Ihnen mal etwas werden würde!“ Dabei nahm er mich in den Arm.

Der ehemaliger Nationalspieler Thomas Hässler formulierte es im Rückblick auf seine Karriere mal so: „In der Schule gab's für mich Höhen und Tiefen. Die Höhen waren der Fußball.“ Das kann ich für mich nicht behaupten, obgleich ich gerne Fußball spielte und sogar ehrgeizig war. Normalerweise gute Voraussetzungen, um Erfolg zu haben. Von Helmut Schulte, St. Paulis langjährigem Trainer und späterem Sportdirektor, stammt das Zitat: „Das größte Problem beim Fußball sind die Spieler. Wenn wir die abschaffen könnten, wäre alles gut.“ Für mich war aber das größte Problem der Ball bzw. mein Umgang mit dem Spielgerät, das nie so recht an meinem Fuß kleben wollte.

Das Runde wollte einfach nicht ins Eckige! Für mich galt schon immer Andreas Brehmes Feststellung: „Haste Scheiße am Fuß, dann haste Scheiße am Fuß!“ Das hatte für die geschundene Kinderseele natürlich Folgen: Wenn die versammelten Mitschüler zwei Mannschaften bilden sollten, wurde ich als Letzter berufen. Man hätte sogar besser mit 11 gegen 10 spielen können. Ich war nicht mal für ein Eigentor gut.

Zu den wenigen kleinen Höhepunkten meiner jugendlichen Fußballkarriere zählten deswegen jene Tage, an denen ich als Vorletzter gewählt wurde, was zur Ausschüttung ungeahnter Mengen von glücksbringenden Endorphinen beitrug. Diese Tage waren selten, seltener als Weihnachten. Deswegen ist mir auch ein grauer Herbsttag in Erinnerung geblieben, an dem ein mir wenig gesonnener Lehrer eine Vertretungsstunde übernahm, aber statt mit uns Englisch zu pauken, Fußball spielen ließ. Natürlich wollte ich diesem pädagogischen Ekelpaket imponieren und zeigen, was in mir steckt.

Ich mache es kurz: Meine Mannschaft, besser gesagt, jene Mannschaft, die gezwungen war, mit mir als Rechtsaußen anzutreten, gewann völlig überraschend mit 3:2. Das zweite und dritte Tor schoss, Ihr werdet es kaum glauben, ausgerechnet ich. Anschließend schwoll mein rechtes Knie an, und ich war dermaßen erschöpft, dass ich den Nachmittag im Bett verbringen musste. Sportreporter Gerd Rubenbauer sagte einst über einen Bundesligaspieler: „Seine Achillesferse ist die rechte Schulter“. Hätte er über mich gesprochen, wäre sein Urteil anders ausgefallen: „Seine Achillesferse ist sein ganzer Körper.“

Auch als Stadionsprecher gerate ich gelegentlich ungewollt in Berührung mit Bällen, z.B., wenn ich am Mittelkreis des Millerntorstadions stehe und die Aufstellung zelebriere, während sich beide Mannschaften noch aufwärmen. Absichtlich oder unabsichtlich bugsieren sie das Leder gelegentlich in meine Richtung, und ich bin stets bemüht, es passgenau zurück in ihre Füße zu spielen. Wobei erschwerend hinzukommt, dass ich dabei weitersprechen muss und zwar selbst dann, wenn genau in diesem Moment die Sprinkleranlage den Rasen und - wie zielgerichtet -auch mich und meine Unterlagen zu wässern beginnt.

Diese kleine, ein wenig melancholische Geschichte soll aber doch freudig enden, mit einer Pointe, die an das blinde Huhn erinnert, das auch mal ein Körnchen ergattert, in diesem Fall gleich ein ganzes fettes Kornfeld:

Mitte der 90er Jahre, Lokalderby: Heimspiel, allerdings nicht am Millerntor, sondern auf einem Acker in der Provinz, nämlich auf der ungeliebten Spielstätte unserer Gäste vom Vorstadtverein aus Hamburg-Stellingen. Eine paradoxe Situation: Wir, die Gastgeber, sind eigentlich Gäste im Stadion des Gastvereins, der somit gleichzeitig Gast und Gastgeber ist. Kapiert? Das alles nur aus Sicherheitsgründen - und ein klein wenig auch, weil die Einnahme im riesigen Stadion für unseren damals extrem klammen Verein erheblich höher sind.

Ich stehe also vor unserer Kurve und kündige sie an, unsere Superstars jener Zeit: Thomforde, Dammann, Trulsen, Stanislawski. Genauer gesagt, stehe ich etwa 2 m hinter der Torauslinie in der Nähe einer der Eckfahnen, als mir ein Ball vor die Füße trudelt. Während ich also unsere Fans mit ermutigender Lautstärke davon zu überzeugen versuche, dass der Sieg nur uns gehören kann und dass unser Trainer Uli Maslo dafür die richtige Elf nominiert hat, kicke ich das Leder (Ihr wisst ja, mein Feind!) aus überstumpfem Winkel (wie gesagt, ich stehe 2 m hinter der Torauslinie) zurück ins Spielfeld, verbunden mit der Hoffnung, überhaupt die nötige Kraft aufzubringen, um das Leder bis in den Strafraum zu bugsieren.

Was nun geschieht, überrascht nicht nur mich, sondern auch die rund 50 000 Zuschauer: Die Kugel gewinnt an Höhe, fliegt und fliegt und fliegt hinein in den 5-Meter-Raum, wo sie, vermutlich ganz unabsichtlich von mir scharf angeschnitten, dennoch mit den Gesetzen der Aerodynamik kaum erklärbar, wie ein Bumerang einen Drall in die Gegenrichtung erfährt und sich über den verdutzten HSV-Keeper Richard Golz mit Effet in den obersten linken Winkel seines Gehäuses dreht. Der Ball ist im Tor. Verdutzte Blicke. Die „Rothosen“ müssen gedacht haben: Wenn der Stadionsprecher schon eine so perfekte Schusstechnik hat, was machen dann wohl erst die Profis mit uns? Fans rieten Uli Maslo später, es doch in sportlich schwierigen Zeiten mal mit diesem fabelhaften Kunstschützen zu versuchen. Maslo wollte nicht hören, und folglich stiegen wir bald darauf wieder mal ab in die 2. Liga.

Fußball, so wissen wir alle, ist ein merkwürdiger und unberechenbarer Sport. Jean Paul Sartre, der französische Dramatiker und Philosoph, hat bereits vor Jahrzehnten erkannt, dass es nicht nur auf das perfekte Ballgefühl, einen strammen Schuss und eine Portion Glück ankommt. „Beim Fußball“, so meinte er, „verkompliziert sich alles erst durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft.“ Ich weiß, wovon der Mann redet!