© Rainer Wulff (Neufassung des Textes für das Buch „Forza St. Pauli“, Edition Hamburger Abendblatt, 2010, später aktualisiert)

Ende der 70-er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Meine St. Pauli-Premiere. Stehplatzkarte. Ein tristes Heimspiel am Millerntor. Amateur-Oberliga nach Lizenzentzug. Unsere Gäste (ich vermeide immer das feindselige Wort "Gegner") kommen aus der sportlichen Walachei, aus Gifhorn, Itzehoe oder Blumenthal. Ich stehe da, wo die locker verstreuten Fans am lustigsten sind. Weder sperrige Zäune, noch eine leuchtend-gelb verkleidete Ordnercrew verhindern 90-minütige Spaziergänge auf allen Stehtraversen. Gesunde Bewegung, - nicht nur auf dem Spielfeld! Doch plötzlich finde ich mich allein auf weiter Flur. Fluchtartig ist der ganze Pulk auseinander gerannt. Leide ich unter unangenehmen Ausdünstungen, dass man mich meidet? Aber warum weinen die Fans so herzergreifend, wischen sich Tränen ab, schnäuzen ins Taschentuch? Erst nach ein paar Sekunden begreife ich: Tränengas! Der Start ins Pyro-Zeitalter. Aber so bemerke ich wenigstens, dass meine frisch erworbenen ersten Kontaktlinsen nicht nur beim Zwiebelschneiden eine Augen schützende Nebenwirkung erzielen!

Ende 1977 war ich von Kiel nach Hamburg gezogen und (ich gestehe!) zunächst hin und wieder Gast auf einer Sportanlage weit draußen vor den Toren der Stadt im fernen und unwirtlichen Volkspark. Als sich jener Verein 1983 nach einem 2:1-Auswärtssieg gegen Schalke 04 die Meisterschale holte, moderierte ich am Abend sogar die große Jubelfeier auf der Moorweide vor weit über hunderttausend Menschen. Aber immer häufiger zog es mich schon bald ans Millerntor. Das Spielgeschehen hautnah. Alles recht familiär und übersichtlich. Leider auch eine Anzahl braun-weißer Fans, die wir heute als Asis oder Spacken bezeichnen würden. Die inzwischen gültige Stadionordnung gab es noch nicht. Ich empfahl ihnen den Club mit der Raute!

Szenenwechsel: Seit 1986 bin ich (von Beginn an ehrenamtlich) Stadionsprecher am Millerntor. Und das bei bislang weit über 500 Punkt-, Pokal- und Freundschaftsspielen (die heute "Testspiele" genannt werden, so, als könnte man sich im modernen Fußballgeschäft keine Freundschaft leisten).

Während meiner ersten Lehrjahre am Millerntor hockte ich noch gewissermaßen "ungeschützt" auf der Haupttribüne, natürlich in einem damals für einen "Halboffiziellen" angemessenen Jackett. Vor mir ein Kassettenrekorder. In der Hand ein Mikrofon. Mein Vorgänger, Herr Thomsen (man siezte sich damals noch beim FC St. Pauli und deswegen kannte ich nicht mal seinen Vornamen!), Herr Thomsen also war sogar im Blazer mit Goldknöpfen und Krawatte erschienen und hatte die zuschauenden "sehr verehrten Damen und Herren im Namen von Vorstand und Präsidium" begrüßt. Unterlagen für die wenigen Durchsagen und ein paar Werbetexte erhielt ich auf losen Seiten von Fräulein Kayser. Ja, Ende der 80er Jahre wurden unverheiratete erwachsene Frauen, in diesem Fall die „gute Seele“ in der Geschäftsstelle, als „Fräulein“ angesprochen.

Auf der Tribüne eingerahmt war ich von grantelnden Rentnern, die von früheren (natürlich besseren) Tagen schwärmten. Im NDR-Geräuscharchiv fand ich später eine Aufnahme aus jener Zeit, im Katalog betitelt mit "Atmo Heimspiel St. Pauli": moderates Stimmengewirr, mal ein Lachen oder schüchternes Rufen, sehr gelegentlich eine einsame Tröte aus der Ferne. Vor mir also die betagte "Meckerecke anno 86" (nein, nicht das Durchschnittsalter, sondern 1986). Hinter mir der duftende Kuchenstand von Annegret Paulick. Unsere damalige Präsidentengattin erzeugte im Elbchaussee-Eigenheim leckere Backwaren, die sie höchstpersönlich zu Gunsten der braun-weißen Jugend verhökerte und dadurch den Begriff "Kuchenblock" verschuldete. War der Andrang allzu groß, rieselten Streusel über meinen Nacken. In finsteren Tagen unseres Vereins, die jener Zeit vorangegangen waren, soll die durch Annegret Paulicks Backstube generierte Einnahme gelegentlich sogar höher gewesen sein, als die an den Stadionkassen. Wenn ich im Überschwang der Gefühle ein Tor unserer Jungs gar zu enthusiastisch zelebrierte, setzte die übersteuerte Technik minutenlang aus. Ebenso, wenn es jemand wagte, seinen Bierbecher auf meiner sensiblen Anlage zu parken, die vermutlich schon Spiele der "Gauliga Nordmark" erlebt hatte.

Zu den nachhaltigsten Eindrücken meiner "Lehrjahre" zählt jedoch eine Momentaufnahme, ein Blick auf unser Stadion aus der Distanz: 29. Mai 1988, kurz vor Mitternacht. Hunderte von Fans haben eben noch das Rollfeld des Flughafens gestürmt, um die "Helden von Ulm" in Empfang zu nehmen. Mühsam mit 1:0 haben wir dort unser letztes Punktspiel gewonnen und den Aufstieg in die Bundesliga perfekt gemacht, den zweiten in unserer Vereinsgeschichte. Inzwischen sitzen wir – Mannschaft und so genannte Funktionsträger – im Bus, der uns vom Flughafen Fuhlsbüttel zur nächtlichen Aufstiegsfeier in die Deichstraße bringen soll, wo unser Präsident Rechtsanwalt Paulick zwei renommierte Kleinkunsttheater betreibt. Zuvor aber ein Triumphzug durch die Stadt! Schritttempo, Autokorso vor und hinter dem Bus. Endlich die Glacischaussee (nicht ahnend, welch' Euphorie uns noch bei mehrmaliger Reeperbahn-Rundfahrt erwarten würde!). Und dann dieser eine kurze Blick auf die Silhouette unseres Stadions (noch ohne Flutlichtmasten) vor dem fast schon nacht-schwarzen Himmel. Ein intensiver, dankbarer Augenblick, ein fast schon heimisches Gefühl, Glückseligkeit pur, Aufbruchstimmung, Vorfreude auf große Spiele! Das war und ist mein FC St. Pauli! (Wenig später sollte man übrigens erstmals vom „Freudenhaus der Bundesliga“ sprechen.)

Angekommen in den höchsten Gefilden des deutschen Profifußballs leisteten wir uns eine Sprecherkabine, zunächst in der Dimension eines Klodeckels, später immerhin im Format eines Gäste-WC's. Jener legendäre Stuhl, der mir dort zugewiesen wurde, gehörte bis 2009, also bis Baubeginn der neuen Haupttribüne, noch zum Inventar und sollte eigentlich auch im Regieraum des niegelnagelneuen Millerntorstadions nostalgischen Charme verbreiten. Ja, Regieraum, denn von einer Sprecherkabine zu reden, wäre heute angesichts der Größe des Raums und der Anzahl des für Videowand, Beschallung und fürs Sprechen benötigten Personals wohl eine Untertreibung. Damals gab’s also diesen legendären Stuhl, der später auf seine alten Tage oft von Pressekollegen fotografiert wurde. Schon in den 80er Jahren schien er vom Sperrmüll zu stammen. Gelbe ramponierte Schaumstoffpolster quollen aus aufgerissenem Plastikbezug in Kotz-Farben. 2012, auf dem Weg in die neue Sprecherkabine, 95 Stufen hoch gelegen unter dem Stadiondach, muss sich dann ein von Mitleid geplagter Möbelpacker erbarmt haben. Das Unikum landete vermutlich auf dem Sperrmüll und entging dadurch leider einem späteren Ehrenplatz in den geplanten Räumen unseres FC St. Pauli-Museums.

Entsorgt wurde (zum Glück) auch jene Klimaanlage, die ein schnell transpirierender Techniker einst in die betagte Sprecherkabine eingebaut hatte. Statt unserer Crew an heißen Sommertagen ein mildes Arbeitsklima anzubieten, wäre der Kasten dazu prädestiniert gewesen, im Schlachthof Ochsenhälften schockzufrieren. Extreme Hitze dagegen in einem frostigen Winter: Der Techniker hat vergessen, den uralten winzigen Heizofen (auf meine Kosten erworben, weil der Verein ja immer sparen musste) nach getaner Arbeit auszu-stellen. Und dann: Draußen beginnt es zu schneien. Zwei Wochen später: Leise rieselt der Schnee, immer noch. Spielabsage. Danach zwei Auswärtsspiele hintereinander. Und so verrichtet das Elektroöfchen fünf lange Wochen seine Arbeit zuverlässig rund um die Uhr. In der winzigen Kabine extreme 49°, Death-Valley-Temperaturen. Endlich Schneeschmelze und Heimspiel. Bei meiner Ankunft sind die Kabinen-tür und die dünnen Sperrholzwände sogar von Außen mehr als nur handwarm. Auf Stühle können wir uns nicht setzen, technische Geräte nicht anfassen, - alles glutheiß, …jedoch nichts verbrannt! Um es mal so auszudrücken: Mit ein wenig Glück wären wir schon ein paar Jahre früher in den Genuss eines neuen Stadions gekommen!

Heute macht unser FC St. Pauli ungeahnte Schlagzeilen: Die Bild-Zeitung, einst als eine Art verbaler Totschläger des Vereins gefürchtet, meldete dieser Tage: „Früher ob des Bretterbuden-Images belächelt. Dann schlingerte St. Pauli durch schwere See, manövrierte am Untergang. Mittlerweile steht ein schmuckes Stadion…, es gibt ein mondänes Trainingszentrum mit fließend Wasser (und zwar nicht von den Wänden). Und der Verein schließt dieses Geschäftsjahr erneut mit einem siebenstelligen Gewinn ab. Die Millionen-Hamster vom Kiez!“

Dass ich das noch erleben durfte. Fast so schön, wie jener 1:0-Auswärtssieg 2011 gegen den Lokalrivalen in der Imtech-Arena! Wo doch die Geschichte dieses Vereins meist von einer gewissen Tragik umweht war, "begünstigt" durch unglückliche Niederlagen, von Finanzmiseren, von geradezu "typischen" Unzulänglichkeiten auf dem Platz und hinter den Kulissen, - ein gepflegtes Chaos, das man einst gerne mit dem Hinweis auf den "besonderen Charme" bemäntelte.

Und schon bald soll hier nun auch unser Museum entstehen. Als inzwischen schon im achten Lebensjahrzehnt stehender (und damit ältester, wie auch dienstältester) Stadionsprecher im Profifußball werde ich aufpassen müssen, nicht schon bald als Fossil vergangener Vereins-Jahrzehnte dort ausgestellt zu werden, - einbalsamiert. Immerhin habe ich hier jetzt schon fast drei Jahrzehnte lang meine Lehrjahre erlebt. Meisterjahre wurden mir dagegen vorenthalten. Aber bei diesem Verein weiß man ja nie, der ist zu allem fähig…!