© Rainer Wulff (April 2013, aktualisiert Januar 2014)

Vorzeige-Macho Götz George, dessen Spitzname erstaunlicherweise „Putzi“ ist, war zuletzt 2013 in seiner bereits 17. Schimanski-Folge zu erleben: „Loverboy“, so der Titel, - aber damit war unser Schimmi dann doch nicht mehr gemeint. Der pensionierte Tatort-Kommissar, so weiß ich aus sicherer Quelle, wird aber noch ein letztes Mal seine beige-graue M65-Feldjacke anziehen (inzwischen auch als Schimanski-Jacke bekannt). Er wird im Minutenabstand „Scheiße“ rufen (ein Wort, das er salonfähig gemacht hat) und schon in Kürze zu den Dreharbeiten eilen. (Richtig, - in unserem Alter sollte man mit solchen Dinge nicht allzu lange warten!)

In einer Zeit, in der ein amerikanischer Whistleblower als sehr freier Mitarbeiter für diverse internationale Redaktionen rackert, wird kaum überraschen, dass mir das bislang geheim gehaltene Drehbuch als kompletter Datensatz übermittelt wurde. Nein, mein Informant heißt nicht Edward Snowden, sondern Fabian Boll, 4 Jahre älter als Snowden und eine Art Doppelagent. Die eine Hälfte des Tages spielt er Fußball beim FC St. Pauli, eine Ikone des Vereins, ein Vorzeigeprofi, natürlich Mannschaftskapitän. Aber weil der Tag ja 24 Stunden hat, die man nicht durchgehend auf dem Sportplatz verbringen kann, verdient sich Boller noch ein karges Zubrot bei der Hamburger Polizei. Er ist Oberkommissar, also Schimanskis Kollege, wenn man so will, - nur dass er seltener „Scheiße“ sagt.

Und er kennt das Drehbuch der 18. und letzten Schimanski-Folge, natürlich mit dem Stempel „Verschlusssache – Nur für den Dienstgebrauch“ versehen. Oder hat er es vielleicht selbst geschrieben...oder ist er sogar Schimanskis Nachfolger? Wir werden es sehen, im wahrsten Sinne des Wortes! Boller jedenfalls hat mir das Drehbuch passgenau zugespielt.

Zu Beginn werden die Fernsehzuschauer erleben, wie unser alter „Putzi“ im Badezimmer putzt, nämlich seine Zahnprothese. Es klingelt! Thanner, früher mal sein getreuer Kollege, wankt mit zitternden Bartspitzen in die bescheidene 2 1/2-Zimmer-Behausung des Polizei-Pensionärs.

Kleiner Einschub von mir: Thanner, wir erinnern uns, wurde bereits 1997 von einem Betonmisch-LKW in einer Telefonzelle niedergewalzt und verschwand somit elegant und - für einen Kriminalkommissar angemessen - aus der Fernsehserie. Für diese eine ganz besondere Folge wird er nun reanimiert. Sendetermin vermutlich: Ostern, - da klappte es schon einmal mit einer Auferstehung. Thanner also meldet, wie könnte es anders sein, einen Mord.

Und schon kommt Hänschen ins Spiel, Schimanskis Interpol-Kollege aus Amsterdam mit der äußeren Erscheinung eines betagten St. Pauli-Fans nach durchzechter Nicht-Abstiegsfeier. Alle nennen ihn nur den »Fliegenden Holländer«, weil deutsche Fernsehzuschauer Mühe haben, sich den Namen des Schauspielers zu merken, den Königin Beatrix (also nicht Hape Kerkeling!) zum „Ritter des Ordens vom Niederländischen Löwen“ geschlagen hat. Ich versuch’s mal: Chiem von Houweninge

Hänschen also wurde in einer der vielen Grachten der Stadt gefunden, tot, niedergestreckt von einer Wasserpistole und angesichts seines Körperumfangs Ursache für Hochwasser, dem er ertrinkend zum Opfer fiel.

Der olle Schimanski setzt sich zielsicher die Zahnprothese ein, schluckt seine Beta-Blocker und schwört bittere Rache! Thanner versucht ihn zurückzuhalten. Doch Schimanski weiß, wie er seinen Kollegen auf angenehmste Weise aus dem Spiel nehmen kann. Er verkuppelt ihn mit einer - mal wieder beschäftigungslosen - Kollegin vom Duisburger Sittendezernat. Thanners Wiederauferstehung ist damit bereits beendet, - was die Gage minimiert.

Schnitt: Schimmi überwältigt mit gezieltem Faustschlag den Piloten eines Polizeihubschraubers. Er selbst, die germanische Ausgabe eines James Bond, lenkt den Helikopter eigenhändig nach Amsterdam zum Tatort. Dort verbrennt er seinen Rentnerausweis, mutiert zu einer Mischung aus Rambo, Rocky und dem Spinat essenden Popeye, wobei er kein Pardon kennt und kein Gesetz. Er nötigt und foltert, stiehlt, erpresst und hält zu. So kennen wir unseren Schimmi. Er ist voll in seinem Element!

Ja,Schimanski bringt Holland in Not. (Da wir bei der ARD in der 1. Reihe der Zeugenbank sitzen, erhaltet Ihr jetzt die Möglichkeit, Euch die Ohren zuzuhalten, um das spannende Ende nicht schon vor der Sendung zur Kenntnis nehmen zu müssen.)

.....Wer jetzt noch zuhört, hat selber Schuld!

Schimanski ermittelt in einem Amsterdamer Edelpuff, wo eine gewisse Natascha die florierenden Geschäfte führt. Zur Erläuterung: Natascha war vor der Wende russische Geheimdienst-Agentin mit Sitz in Ost-Berlin und dort auch Bodybuilding-Trainerin eines Kollegen, Major Wladimir Putin. Nach Auflösung des KGB wurde sie erneut Agentin,… diesmal von Lothar Matthäus (das passt, wo wir doch gerade im Zusammenhang mit Thanner über Leichenschändungen sprachen!).

Als „Loddar“, ihr Arbeitgeber, finanziell am Ende war, restlos ausgenommen von irgendeiner seiner vielen Gespielinnen, da wurde Natascha erneut arbeitslos. Den Job im Puff erhielt sie nicht nur wegen ihrer altersgemäß amourösen Erfahrungen, sondern wegen ihrer guten Ohren.

Schimanski weiß: Bei Natascha ist was zu holen, nicht nur Informationen über den Tod des Fliegenden Holländers. In einer turbulenten Nacht zeigt sie ihm zuerst voller Stolz sehenswerte Dessous, die sie einst in Exquisit-Läden der DDR erworben hat. „Putzi“ und „Naschi“, wie er sie zärtlich nennen darf, verbrauchen später eine Flasche Wodka, zwei Flaschen Kröver Nacktarsch sowie ein Kondom (nur eins, Schimmi ist inzwischen 74!) und beschließen, die letzten Lebensjahre gemeinsam in einer Seniorenresidenz des Versorgungswerks der Duisburger Polizei zu verbringen. Aber vorher gibt ihm die mit allen Schnäpsen gewaschene Ex-Agentin noch einen heißen Tipp!

Nach wilder Verfolgungsjagd, bei der Schimanski als Referenz für die weiblichen (und die schwulen) Zuschauer wieder mal 20 Sekunden lang mit entblößtem Oberkörper posiert (bei einem Mann in seinem Alter Schwerstarbeit für den Maskenbildner!), steht er endlich vor dem Täter: Und das ist...Kriminaloberrat Karl Königsberg, Schimanskis strenger Kripo-Chef in unendlich vielen Folgen, von den Kollegen wegen seines Nachnamens „Klops“ genannt, der Mann, der in zahlreichen Tatort-Folgen Schimmi vorübergehend vom Dienst suspendierte, wenn der mal wieder gegen sinnlose Vorschriften verstoßen hatte. Ausgerechnet Klops!

Dummerweise hat Dieter Bohlen die Filmmusik auch für diese Fernseh-Folge verbrochen, - übrigens eine weitere schwerwiegende Straftat. Wenn im Finale Schimanski die Wasserpistole aus der Asservatenkammer als Tatwerkzeug zeigt und seinen Ex-Chef ins Verhör zu nehmen scheint, wabert die Filmmusik leider erbarmungslos über die Szene. Wir wissen also nicht, ob Klops und Putzi tatsächlich über das bis heute rätselhafte Tatmotiv sprechen… oder über die neueste Ausgabe der „Apotheken-Rundschau“, der Bild-Zeitung unserer Ü 70-Generation. Statt eines Verhörs also am Ende möglicherweise nur seichtes „Modern Talking“.