© Rainer Wulff (Juni 2013, später aktualisiert, Hörbuchfassung)

„Ein Berg ist eine Geländeform, die sich über die Umgebung erhebt. Er ist meist höher und steiler als ein Hügel.“ Oh ja, unser Lexikon bestätigt, was wir schon immer ahnten.

Als Hamburger, von Alpinisten gerne als „Flachlandtiroler“ verspottet, sollte man, bevor man sich auf den Weg zum Gipfelsturm begibt, seinen Horizont ein wenig erweitern, der bislang – seien wir ehrlich - bereits am Gipfel des Hasselbracks endet. Hasselbrack! Noch nie gehört? Das ist immerhin Hamburgs alpines Highlight, die höchste Erhebung der „Harburger Berge“, genauer des hanseatischen Teils jener Bergkette, die sich zwischen Lüneburger Heide und dem Alten Land erstreckt (oder, besser gesagt, versteckt). Denn nur 116 m ragt dieser Hasselbrack aus seiner Endmoräne hervor. Ganz genau, 116,20 m: So ein Berglein legt natürlich Wert auf die Erwähnung der krönenden 20 cm. Dieser Minderwertigkeitskomplex ist nur allzu verständlich: Ist doch der Hasselbrack genau 51,80 m niedriger als Schleswig-Holsteins höchste, nur 120 km Luftlinie entfernte Erhebung, der Bungsberg, der die Holsteinischen Schweiz zu einem wahren Winterparadies macht, …sofern ein paar Flocken gefallen sind. Im St. Moritz des Nordens dauert die Abfahrt auf Skiern 25 Sekunden, und der Schlepplift (ja, den gibt es tatsächlich) braucht 1 ½ Minuten. Die benachbarten Krankenhäuser sind auf jeden Notfall vorbereitet, zumal die einheimischen Abfahrtsläufer rein optisch den Eindruck erwecken, als hätten Sie zwei Fischstäbchen untergeschnallt. Angesichts dieser Art von plattdeutschem Alpinismus versteht man die Feststellung des chinesischen Philosophen Konfuzius: „Die Menschen stolpern nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel.“

Irgendwann im Verlaufe meines schon recht langen Lebens (ich hatte gerade meine Adoleszenz beendet, war also Anfang 50), stolperte ich über die Lebensweisheit eines begeisterten Bergsteigers: „Ohne Risiko komme ich nicht weiter – nicht am Berg und nicht im Büro.“

Während eines Urlaubs in Garmisch-Partenkirchen, abseits meines Büros in Erdgeschoss-Lage und angesichts der Alpen, überkam es mich jedoch so plötzlich und unvorbereitet wie eine Darm-Infektion. Der riesige Steinhaufen rief: „Rainer!“ Ja, mich ereilte der viel zitierte „Ruf der Berge“. Und ich hielt es mit einem Alpinisten, der die Frage, warum er einen Berg besteigen wolle, mit einem lakonischen „Weil er da ist!“ zu beantworten pflegte. Und da waren viele Berge vor mir!

Ich fasste den Entschluss, jetzt oder nie einen Aufstieg zum 1650 m hohen Kreuzeck am Fuße der mächtigen Zugspitze zu riskieren. Das harmlose Kreuzeck, ein Winzling nur! Angesichts des (zunächst noch) ausgesprochen kommod steigenden Wanderwegs ein in meinen norddeutsch-blauen Augen keinesfalls leichtfertiges Unterfangen.

Ich hätte in diesem Moment an einige Bergsteigerlehren denken sollen, die z.B. heißen: „Der wichtigste Muskel beim Klettern ist das Gehirn.“ Oder: „Die größte Kunst beim Bergsteigen ist, dass man dabei auch alt wird.“ Oder „Pass‘ auf, wo deine Füße hintreten, sonst bist du bald Plusquamperfekt.“ Mit einer profunden literarischen Bildung hätte ich mich auch an Goethe erinnern können, der in seinen Briefen aus der Schweiz bemerkte: „Wir stiegen mit Speise und Wein den Mont Anvert hinan.“
Oans, zwoa, gsuffa, Herr Geheimrat! Mal abgesehen davon, dass der Genuss alkoholischer Getränke bei einer solchen Höhenexpedition alleine schon aus medizinischer Sicht nicht ratsam ist, hätte Goethe damit mein Augenmerk auf die unbedingte Notwendigkeit der Versorgung mit Speis und Trank lenken können.

Doch weil der Berg mich heimtückisch anlockte wie Goethes Erlkönig den kranken Knaben, begann ich folgsam den Anstieg, - in Turnschuhen und ohne Wasserflasche, sogar ohne Uhr. Hätte ich doch wenigstens die Weisheit von Heinrich Harrer, Erstbesteiger der Eiger-Nordwand, gekannt, der trefflich, aber für einen Flachlandtiroler nur schwer verständlich formulierte: „Winter ist im Winter immer noch kälter als Winter im Sommer.“

Nachdem ich vielleicht 300 Höhenmeter erobert hatte, empfand ich Hunger und vor allem Durst. Den Eigentümer einer entlegenen Berggaststätte, die plötzlich wie eine Fata Morgana vor den schon eingetrübten Augen erschien, würde ich am liebsten heute noch wegen unterlassener Hilfeleistung vor Gericht zitieren. Auf meine Bitte, mit einem Schluck Wasser zur Erweckung meiner Lebensgeister beizutragen, antwortete der mürrische Bajuware, der aussah, als hätte er schon seine komplette Jugend im Schatten eines übermächtigen Bergmassivs verbracht: „Saupreiß, damischer! Mir hoams gschlossn! Schleich di!“ Damit schlug er mir die Tür vor der angefrorenen Nase zu. Im Hintergrund tönte aus seinem Radio der Jodler „Wir sind Kameraden der Berge“.

Inzwischen dämmerte es, und es dämmerte auch mir, dass der Ruf des Berges wohl eher als Gaudi gemeint war. Es war doch Februar und Faschingszeit, da werden sogar Berge narrisch! Oder halluzinierte ich etwa schon? Ich dachte plötzlich an meine Schulzeit. Geographieunterricht: „Alle gebirgsbildenden Schichten der Alpen“, so dozierte mein Lehrer, „stammen aus dem Mesozoikum, der Erdmittelzeit, und bestehen aus Elementen, die sich ursprünglich mal auf dem Meeresboden abgelagert hatten.“ Ja, mir wurde klar, dass ich auf einem Bergsockel aus Muschelkalk herumkraxelte, der einst in einer Lagune entstanden war. Aber ich konnte immerhin schon froh sein, dass ich den über mir kreisenden Steinadler nicht als rosa Flamingo aus jener Lagune wahrnahm!

Ich versuchte, mich durch Bagatellisierung meiner Lage zu beruhigen: Was sind die jämmerlich flachen Alpen gegen den imposanten, gefährlichen Himalaya, so sagte ich mir. Was ist der Katzensprung zum Kreuzeck gegen die Torturen, die echte Bergsteiger auf dem Weg zum Mount Everest erdulden. Sie quälen sich über viele Erhebungen zum Gipfel: zurückgelassene Zelte, leere Sauerstoffflaschen, riesige Müll- und gefrorene Kotberge. Und sie müssen immer damit rechnen, einer Gletschermumie zu begegnen, einem Himalaya-Ötzi, einem mahnenden Zeugen dafür, dass es eben doch nicht alle schaffen bis zum Gipfel. Ganz nach dem Motto: „Ohne Seil und ohne Halt, ging er los, jetzt ist er kalt!“

Ich weiß bis heute zwar wenig über das Bergsteigen, aber ein Fachbegriff des Alpinismus war mir damals schon geläufig, für mich in diesem Augenblick ein Zauberwort: Direttissima! Auf Deutsch die „kürzeste Verbindung“, der direkte, umweglose Aufstieg zum Gipfel, der sich an der Falllinie von der Bergspitze bis zum Boden ausrichtet. Warum sollte ich meine Exkursion unnötig in die Länge ziehen und weiterhin brav die offenbar für Fußkranke vorgesehenen Serpentinenwege nutzen, sorgfältig von Schneemassen geräumt? Warum auf der langweiligen Touri-Routemeine Zeit verplempern, warum (wie auch sonst im Leben) den bequemen Weg des geringsten Widerstands nehmen, wenn man abkürzen und den unzähligen, nie endenden Kehren der Serpentinen den Stinkefinger zeigen kann, um ihnen deutlich zu machen, dass man nicht auf sie angewiesen ist?

So wurde ich denn zu einer Art männlicher „La Traviata“, „Der vom Wege Abgekommene“.

„Direttissima“ flott ging es nun voran, wenn auch steil bergauf. Zwischendurch gönnte ich mir einen stolzen Blick zurück auf das bereits Vollbrachte, …und ich erstarrte wie einst der legendäre Ötzi in jener Eisnacht, die seine Überreste unsterblich machen sollte. Beängstigend steil ging es hinterrücks nach unten, ein Zurück war ab jetzt unmöglich. Ich fühlte mich wie in der Hölle. Und genau da war ich gelandet. “Hölle“, so heißt nämlich jene berüchtigte Passage der Garmischer Kandahar-Abfahrt, die neben der Kitzbühler „Streif“ als gefährlichste Piste der Welt gilt. Schemenhaft erkannte ich im Nebel todesmutige Skiläufer, die unmittelbar neben mir einen Steilhang herunter rasten, der selbst den besten der Welt Albträume beschert (wobei man in diesem Fall „Alb“ mit b oder p schreiben darf). Sie: mit weit über 100 km/h abwärts, gepresst in neonfarbige Ganzkörperkondome. Ich: im luftigen Dress im Schneckentempo aufwärts als alpiner Geisterfahrer, der so kühn war, einen Gegenverkehr zu etablieren. Dabei zog ich mich Meter um Meter hoch an jenen roten Plastikzäunen, die die waghalsigen Athleten, wenn die unbändigen Kräfte doch einmal schwinden und sie wie Geschosse von der Piste abkommen, auffangen und gnädig zurück katapultieren…oder - direttissima - gleich auf den Friedhof. Ihre offenbar ausgerechnet mir geltenden unfreundlichen Zurufe überhörte ich einfach, indem ich mir meine FC St. Pauli-Mütze – passend mit dem Totenkopf - noch fester über die Ohren zog.

Die Tatsache, dass ich diese Zeilen zu Papier bringen konnte, ist der Beweis dafür, dass meine alpinistische Uraufführung doch noch einen guten Ausgang nahm. Als sich nämlich die schwarze Nacht über die Bergwelt legte, erreichte ich die gut beleuchtete Seilbahn-Station am Kreuzeck. Ich dachte an Loriot, der mal die rhetorische Frage gestellt hatte: „Wussten Sie schon, dass die Alpen einen ganz erbärmlichen Anblick bieten, wenn man sich die Berge einmal wegdenkt?“ Ich hätte nicht mal mehr die Zeit gehabt, um nach meiner Erstbesteigung eine Fahne auf dem Gipfel zu hissen! Denn schon schwebte die letzte Seilbahn hinab ins Tal,- mit mir!

Wenn man die Berge liebt“, so heißt es, „akzeptiert man auch, dass sie die Bedingungen stellen.“ Nein, diesen Vertrag möchte ich nicht unterschreiben. Vielmehr stelle ich mir seitdem die Frage: „Wozu brauchen wir eigentlich Berge?“ Die Antwort nach der Sinnhaftigkeit dieser doch allein die weite Sicht versperrenden Hindernisse schenkte mir völlig überraschend ein Höhenzug in den „Brandenburger Alpen“. Nein, das ist kein Bungsberg, kein Pendant zum Gipfelrausch der „Holsteinischen Schweiz“, denn mit der Mark Brandenburg hat dieser 2000-er nichts zu tun. Man findet ihn in den Tiroler Alpen, und sein Name half mir bei der Entschlüsselung aller dunklen Geheimnisses der unergründlichen Bergwelt: Er heißt schlicht und einfach „Unnütz“.