© Rainer Wulff (Juni 2013, später aktualisiert)

In etwa sieben Minuten werde ich leicht den Kopf heben und ein wenig fragend, aber auch erwartungsvoll in Eure Runde schauen, um damit – vermutlich mangels einer echten Schluss-Pointe - zu signalisieren, dass ich Euch gerade die letzte Zeile meiner textlichen Pretiosen anvertraut habe. Und genau dann werdet Ihr mir hoffentlich den ersehnten Beifall zollen! Nein, keine überschwänglichen Ovationen! Ich erwarte weder spitze Bravo-Schreie wie bei Justin Bieber oder Anna Netrebko, noch

Staccato-Klatsch-Orgien wie einst bei Parteitagen im Zeichen von Hammer, Sichel oder Zirkel, und schon gar nicht unterwürfige Huldigungen, wie sie dem Stellvertreter Christi auf Erden früher am Ende aller Papstmessen entgegengebracht wurden. Nur ein höfliches Zusammenklatschen Eurer oberen Extremitäten, ein wenig Akklamation, die ich als Zustimmung missverstehen kann, - selbst dann, wenn sie nur als Trostpflaster gemeint ist. Aber bitte kein Pfui und kein Buh! Jürgen Kesting, der auf Grund einzigartiger Kenntnisse in Fachkreisen als „Stimmenpapst“ angebetet wird, hat derlei im Schutze der Anonymität emotional herausgeschleuderte Verdikte des Opernpublikums als „extrem peinlich“ verurteilt.

Buhs richten sich in Theatern nur selten gegen die Interpreten, oft jedoch gegen die Regie, die Kostüme oder das Bühnenbild, also gegen die Verursacher optischer oder szenischer Behelligungen. Es buht vor allem auch jener Teil des Publikums, der z.B. in Verdis „Aida“ Elefanten auf der Bühne seines Stadttheaters vermisst, die doch angeblich einst in Verona dazu gehörten (gewissermaßen als groß geratene Kleindarsteller). Übrigens ein Irrtum: Noch nie hat eine Elefant die „Arena di Verona“ betreten. Aber eingefleischte Traditionalisten (man könnte sie auch als Opern-Archäologen bezeichnen) hängen nun mal an jeder Form von Ausgrabungen, egal ob die versteinerten Fundstücke ihrer Erinnerung oder nur ihrer Fantasie entsprechen.

Buhrufe aber haben auch andere Gründe. So wurde Verdis „La traviata“ bei der Uraufführung in Venedig allein deswegen heftig ausgebuht, weil der Librettist mit der dramatischen Geschichte der Edelkurtisane Violetta der venezianischen Partygesellschaft den Spiegel ihrer eigenen Unmoral drastisch vor Augen geführt hatte. Man nahm übel! Oder es hatten mal wieder Provokateure ihre Hand im Spiel, die dafür bezahlt wurden, mit Sabotage Missstimmung zu erzeugen und zum Durchfall des Stücks beizutragen. Auftraggeber: Die Konkurrenz.

Doch zurück zu unseren heutigen Buh-Rufern. „Dieses grobe Verhalten soll man der Fankurve im Fußballstadion überlassen“, so wird Kesting zitiert und wir sehen förmlich vor unserem geistigen Auge, wie unser Stimmenpapst leicht angeekelt die Nase rümpft.

Ein fabelhaftes Opfer für ein veritables Buh-Konzert wäre für mich z.B. eine weltberühmte Diva, die bereits im neunten Jahrzehnt ihres Lebens steht und trotz eines Schlaganfalls jüngst eine weitere Europa-Tournee absolvierte. „Ich möchte auf der Bühne sterben“, so drohte sie erst kürzlich dem Publikum und meinte damit keineswegs den von der Regie inszenierten Bühnentod. Ihr Name? Da schweigt des Sängers, in diesem Fall des Autors Höflichkeit. Kritiker waren sich bereits vor Jahren einig: „Qual ist nicht unbedingt Kult! Da blieb keine Note auf der anderen. Farblose, falsche Töne, die einfach nur wehtaten“, so urteilten sie. Die Verehrer zahlen also nicht mehr für die Kunst des Gesangs, sondern für den Kult, der sich mit einer prähistorischen Mumienschau vergleichen lässt, einer fast schon posthumen Heldenverehrung, der sich z.B. der bereits erwähnte Justin Bieber dadurch entzogen hat, dass er mit 19 Jahren seinen Rücktritt erklärte,- vermutlich um mit dem Schreiben seiner Memoiren zu beginnen. Erst 2074 wird er 80. Da bleibt noch viel Zeit.

80: Zum Glück kein Alter für Opernbesucher! Wo man auch hinsieht: weiße Haare. Ein Bad im Silbersee! Da piept dann auch schon mal das Hörgerät und macht mit einer Rückkopplung auf sich aufmerksam.

Als gerade 71-Jähriger darf ich mich mit Blick auf den mich umgebenden demographischen Wandel, mal wieder so richtig jung fühlen. Nun ja, auf der Bühne wird viel gestorben, warum nicht gelegentlich auch im Publikum, auf nicht unbedingt ergonomisch geformten Theatersesseln? Es wäre zwar ungebührlich, von einer sich vorzugsweise in Opernhäusern tummelnden „Generation scheintot“ zu sprechen, die nicht mehr per Auto, sondern per Rollator anreist, aber der Hamburger Soziologe Karl-Heinz Reuband hatte sicher nicht Unrecht, als er feststellte: „Das Opernpublikum ist zwischen 1979 und 2004 um mehr als 10 Jahre gealtert.“ Die Oper als Jungbrunnen? Nein, um Missverständnissen vorzubeugen: Reuband meint das Durchschnittsalter.

Wenn man ein Opernfoyer kurz vor Beginn der Vorstellung betritt (und zwar ohne zu ahnen, was gerade auf dem Spielplan steht), muss man sich nur die Besucher anschauen, um zu wissen, ob es um Richard Wagners Bühnenweihfestspiel „Parsifal“ geht oder ob Otto Nicolai „Die lustigen Weiber von Windsor“ aufs Publikum loslässt.

Bei Aufführungen stundenlanger Wagner-Opern benötigt man ein besonders dickes Fell, fallen doch zu Premieren diverse Abordnungen der untereinander zerstrittenen Wagner-Verbände in Rudeln über unsere Opernhäuser her. Man fürchtet diese den Meister anbetenden Opern-Talibane, diese extremistische, sehr deutsche Tea-Party-Bewegung, die den Wagner-Wahn zum Wahnwitz macht, am liebsten natürlich am Wahnsitz, also in Bayreuth.

In Hamburg erkennt man mit einem Blick natürlich auch, ob das gefürchtete „Abo Pinneberg“ (wahlweise gerne auch Uetersen oder Buxtehude) mit dem klimatisierten Sonderbus (leider erfolgreich) die Stadtmauern durchbrochen hat, oder ob die Elbchaussee-Hautevolée nur deswegen erschienen ist, um die neuen Creationen eines in diesen Kreisen populären Schneidermeisters zur Schau zu stellen. Dabei handelt es sich übrigens um einen bei allen unpassenden Gelegenheiten alte Schlager singenden Couturier, womit der Mann seinem Ruf noch mehr zu schaden pflegt, als mit seinen genähten Geschmacklosigkeiten.

Bei der Oper „Carmen“ z.B. hören sich die Pausen-Dialoge der Damen, die den feurigen Stierkämpfer Escamillo in der Taleguilla, dem superengen Beinkleid des Matadors, bewundert haben, wie folgt an: "Hat er nicht ein wundervolles Organ, unser Escamillo?" - "Oh ja, wirklich", antwortet die Nachbarin, "aber singen kann er auch!" Man ahnt es: Solche Mannsbilder erreichen die Herzen und erhöhen die Schlagzahlen der Schrittmacher der Besucherinnen.

Echte Kenner und Liebhaber sowie die an ihren schwarzen Rollis im Publikum auszumachenden Kritiker, Dramaturgen und Ausstatter müssen sich als geschundene Minderheit fast schon selbst bemitleiden, als Opfer sie umgebender, penetrant duftender, aufgetakelter Ignoranz und Unbedarftheit. Die macht sich bereits bei der „Ouvertüre“ bemerkbar, die ein Teil der Besucher keineswegs als Bestandteil des Gesamtkunstwerks zu genießen weiß und darum den Smalltalk bis zum ersten aus Sängerkehlen strömenden Ton mit kaum verminderter Lautstärke fortsetzt.

Umso aufmerksamer und engagierter gibt sich dieses Publikum jedoch in anderen Momenten, wenn – meist ja an der Rampe – die großen Opernhits geschmettert werden. „Nessun dorma“, auf Deutsch bekanntlich: „Keiner schlafe!“ Ach, würden sie doch schlafen, diese den Kampf um die Armlehne immer gewinnenden Sitznachbarn, die nur darauf gewartet haben, endlich ihre spezifischen Kenntnisse des Stücks dadurch demonstrieren zu dürfen, dass sie die populären Arien in einer nicht näher definierbaren Tonart mitträllern oder summen, wobei leichte Taktschläge auf’s (im Zustand völliger Ekstase nicht immer eigene) Knie den Rhythmus vorgeben

Störend wird auch der so genannten „Frühklatscher“ wahrgenommen, eine Art akustischer Terrorist. In Unkenntnis der Musik wähnt er das Ende einer Arie gekommen und startet erbarmungslos, aber leider verfrüht seinen enthusiastischen Applaus, zum Glück mit den Händen und nicht mit Klatschpappen, wie bei Eishockeyspielen oder Volksmusikkonzerten. Die Bravourarie der „Traviata“, von Verdi in höchster musikalischer Vollendung zweigeteilt, gehört zu seinen beliebtesten Opfern. Auch am Ende einer Oper hält der Frühklatscher, der fast an jedem Abend in fast jedem Opernhaus der Welt sein Unwesen treibt, nicht wenigstens für ein paar Sekunden inne, sondern zerstört abrupt den Zauber einer zuvor kunstvoll geschaffenen Stimmung. „Wenn sich die Falten im Rücken des Dirigentenfracks nach dem Schlussakkord lösen, dann legt er los, und sein erstes Klatschen spaltet die Stille,“ so schrieb ein verzweifelten Kritiker des „Hamburger Abendblatts“ über einen sogar namentlich genannten „Frühklatscher“, der mit dem zweifelhaften Ruhm leben muss, dass seine lautstarke Begeisterung auf zahlreichen Schallplatten und CD-Mitschnitten dokumentiert ist.

Auf Dauerhuster, die bevorzugt dann auf sich aufmerksam machen, wenn sich die Interpreten auf der Bühne das zarteste Piano abringen, soll hier nicht weiter eingegangen werden. Über dieses leidige Thema sind schon genug Glossen und sogar psychologisch-medizinische Abhandlungen verfasst worden, ohne dass es bislang gelungen wäre, diesen unzivilisierten Kulturbanausen den Garaus zu machen und sie davon zu überzeugen, nicht länger mit ihrem Dauer-Husten-Staccato ihren Mitmenschen zur Last zu fallen, sondern dass sie ins Bett gehören oder auf die Couch ihres Psychiaters, diese Wichtigtuer, diese Barbaren, diese Kunstverächter…. (Aber im Wohnzimmer vom Fernseher zu husten, ist ja nur halb so lustig wie in der Oper! Was reg‘ ich mich eigentlich auf!)

1955 gab ich mein Operndebüt…als Zuschauer. „Martha“ von Flotow stand auf dem Spielplan der „Eutiner Sommerspiele“, ein Werk, das nicht gerade zu den Höhepunkten abendländischen Kulturguts zählt. Harmlos genug für einen 12-Jährigen, so mag meine Mutter gedacht haben angesichts der biederen Geschichte, die am Hof zu Richmond am Beginn des 18. Jahrhunderts spielt. Dass auch die Inszenierung aus einem früheren Jahrhundert zu stammen schien, bemerkte ich natürlich noch nicht. Dass ich mich dennoch nicht abschrecken ließ (womit ich vermutlich ein für allemal der Opernwelt abhanden gekommen wäre), zeugt von der Sogwirkung der Musik, die oft genug selbst schlecht bebilderte Lore-Romane in unsterbliche Kunstobjekte verwandelt. Mein Opernführer beschreibt Marthas Happy End übrigens so: „Mit großer Rührung und einer Doppelhochzeit schließt das Stück.“

Doch, ich muss gestehen, dieses Finale habe ich nie gesehen, denn diese und die folgenden Opernbesuche im Freilichttheater im Eutiner Schlossgarten endeten für mich, den pubertierenden Knaben, stets vorm letzten Akt. Nein, keine Hustenanfälle, kein noch so altbackener Regie-Langweiler in den prüden 50-er Jahren und auch kein Gewitterregen trieben mich jahrelang viel zu früh heimwärts ins Bett, sondern die Fahrpläne von Bus oder Bahn, die Kulturbanausen, Barbaren, Kunstverächter… (siehe oben) unter penetranter Missachtung des Eutiner Opernspielplans ausgeheckt hatten. Letzter Zug nach Malente-Gremsmühlen: 22,35 Uhr, jahrelang. Und so habe ich erst viel später erfahren, dass am Ende all dieser beliebten Opern entweder ein paar Leichen die Bühne schmücken (den anschließenden Applaus aber schon wieder quicklebendig entgegen nehmen) oder dass schließlich noch jedes Töpfchen sein Deckelchen findet. Also doch Doppelhochzeit und jede Menge Rührung! Wie im richtigen Leben! Unsere Oper, unser Publikum!