© Rainer Wulff (aktualisierte Fassung, September 2015)

Erinnert Ihr Euch: „Schlachtfest statt Veggie-Day!“ Eine Schlagzeile nach der Bundestagswahl. Gemeint waren die Grünen, deren Gesichtsfarbe sich dem Parteinamen angepasst hatte, was aber wohl kaum am veganen Joghurt aus püriertem Tofu und dem Kichererbsenmehl lag. Notschlachtung dagegen bei der FDP, obgleich Rainer Brüderle, dieser fleischgewordene Herrenwitz, nach dem Hausverbot im Reichstag durch Wählervotum kaum noch seinen blauen FDP-Anzug (geschweige denn ein Dirndl) ausfüllte. Selbst bei der Wahl der Weinkönigin in Langenlonsheim soll er kürzlich in der Vorrunde gescheitert sein, trotz Dirndls.

Bei einem Hamburger Spottverein (wovon es viele gibt, aber ich meine den einen, den unaussprechbaren) ist inzwischen immer Veggie-Day, denn fleischlose Kost gibt es an jedem Spieltag. Schlachtfest als Dauerzustand. Zumindest was die Gesichtsfarbe anbelangt, gab der langjährige Präsident Jarchow, ein geradezu extremistisch-hanseatischer Fußball- und FDP-Funktionär, schon immer den Brüderle und wurde darum gleichfalls aus dem Amt gejagt. Sein noch amtierender Nachfolger heißt Meier, was durchaus von Vorteil ist, weil es so viele Meiers gibt und man mit diesem Namen nicht unbedingt auffällt.

„Ganz Hamburg zittert mit den Rothosen“, so titelt die Presse nahezu wöchentlich und das seit Jahren. Ganz Hamburg in Angst und Schrecken? Oder geht es nur um Schüttelfrost? Und zittern etwa auch wir St. Paulianer? In immer kürzeren Abständen erhebt „Euch Uwe“ in den Medien seine Stimme und gibt kund, dass er sich um seine Vorstädter „sorcht und sorcht und sorcht“…und kommt den Fans als Gesundbeter mit Ratschlägen der Kategorie „Zurück in alte Zeiten! Früher war alles besser!“ Seelers Rezept wirkt wie Rizinus-Öl: Oben rein und unten ganz schnell wieder raus!

Noch schlimmer sind jedoch sind jene Wunderheiler, die in der Stunde größter Not ihre ganz persönliche Stunde gekommen sehen da draußen in der Wallachei, wo die Flammen der nahen Bio-Müllverbrennungs-anlage längst übergesprungen sind auf den ausgedörrten Dino der Bundesliga: Feuerbestattung in Stellingen. Auch hier gab’s ja schon Schlachtfeste statt Veggiedays, z.B. beim 1:5 gegen Hopps Hoffenheim. Jene Notärzte ohne Approbation (oder sind es schon die Bestatter?) gaukelten als aufgeregt grunzende Glücksschweinchen den Rothosen eine rosige Zukunft vor. Ihre Rezeptur lautete: Ausgliederung des Profifußballs!

Das Vereinsmitglied wurde mit weißer Salbe mit dem verheißungsvollen Namen „HSVplus“ eingecremt. Angesichts eines Schuldenstands in knapp dreistelliger Millionenhöhe vertraute man darauf, dass minus mal minus plus ergibt, eben HSVplus!Auf dem Beipackzettel müsste wohl stehen: „Zu den riesigen Nebenwirkungen schlucken sie die Packungsbeilage und schlagen Sie den Arzt ihres Apothekers!“

Das Ende vom Lied: Ausgliederung der Lizenzspielerabteilung aus dem Sport-Verein in die Fußball-AG.Für die Selbstentmachtung aller Mitglieder gab‘s bei der entscheidenden Abstimmung die notwendige Dreiviertelmehrheit. 86,9% legten sich bzw. ihren geliebten Verein freiwillig auf die Schlachtbank, und schenkten den Auswaidern die Lizenz zum Ausnehmen und Entbluten. Die dümmsten Kälber wählten ihre Schlächter selber. Nicht nur die Mitglieder haben nun fast nichts mehr zu melden, ebenso der Herr Meier, der Präsident, der den Grüß-August geben darf. Meier gehört allerdings auch noch dem Aufsichtsrat an, was zu diesem Verein passt, wo einer auf den anderen neidvoll aufpasst und Aufsichtsrat Meier sogar auf sich selbst, den Präsidenten Meier.

Ein gewisser Karl Gernandt, hauptberuflich Präsident des Verwaltungsrats eines Schweizer Transportunternehmens, ist der mächtige Mann an der Vereinsspitze, nämlich Aufsichtsratsvorsitzender jener Sport-AG, bei der sein Chef Klaus-Michael Kühne Anteilseigner ist. Gernandt ist „His Masters Voice“, die folgsame Stimme seines Herrn, der verlängerte Arm. Und wenn’s wieder schief geht, wohl auch der verlängerte Arm-Leuchter.

Klaus-Michael Kühne, jener Mann, der selbst, wenn er lacht, die Zähne fletscht, hat sich mit Geldscheinen wedelnd bis heute immer wieder penetrant unseren Vorstädtern aufgedrängt. Kein Kontaktverbot hindert diesen Stalker daran, seinen Senf dazu zu geben. Nein, nicht Kühne-Senf, sondern Logistik-Kühne, Mehrheitseigner der Logistikfirma Kühne & Nagel mit steuersparendem Sitz in Schindellegi im Schweizer Kanton Schwyz. Zeitweise gehörten dem Milliardär 33% an einigen Spielern, was man allerdings nicht körperlich interpretieren darf. Nein, es ging um die Transferrechte. Später gab er sich mit den Rechten an Raffael van der Vaart zufrieden, den er (bzw. sein Scheckbuch) nach Hamburg transportierte und zur Raute formte. Da Rafa nicht nur für „Tika-Taka“ auf dem grünen Rasen stand, stellte sich bald die Frage, ob Kühne auch Rechte an Sylvie, zwischenzeitlich an Sabia und („ob blond, ob braun, ich liebe alle Frauen“) ggfs. an weiteren weiblichen Preziosen aus dem Besitz seines personifizierten Fehleinkaufs erworben hat.

Kühne, der auch die Hamburger Staatsoper unterstützt, wird an Wagners „Götterdämmerung“ denken, wenn ihm sein Verein schlaflose Nächte bereitet. Denn Mannschaft, Trainer und Funktionäre beschäftigen sich seit Jahren mit der Frage: Wie schaffen wir es endlich mal, die 2. Bundesliga zu erreichen, wenn möglich sogar ohne Relegation?

Und Uwe sorcht und sorcht und sorcht sich in immer kürzeren Abständen. In schlaflosen Nächten denkt er darüber nach, ob er testamentarisch verfügen soll, dass er bitteschön nach seinem Ableben im Vereinsmuseum zur Schau gestellt werden möchte, entweder einbalsamiert oder ausgestopft. Auf eine Ruhestätte auf dem vereinseigenen Friedhof ist leider kein Verlass. Es wird nämlich nicht mehr lange dauern, bis die letzten Fans ausgestorben sind.

Wer nun meint, wir Braun-Weißen sollten uns bitte nicht über den unglücklichen, aber immer noch stolzen Nachbarn den Mund zerreißen, der doch eine viel eindrucksvollere Geschichte aufweisen kann als wir, diese popeligen lokalen Konkurrenten, die ewige Nr. 2 der Stadt, wer das also meint,… ja, der hat natürlich recht! Immerhin gibt es schon im Alten Testament einen Hinweis auf die frühe Existenz der Rothosen. Da heißt es nämlich: „Sie trugen seltsame Gewänder und irrten planlos umher.“ Aber ein bisschen Schadenfreude muss uns doch wohl erlaubt sein! All das, was der gemeine Rauten-Fan seit Jahren durchleidet, haben wir schließlich auch schon erlebt.

Vielleicht gibt’s ja in den Katakomben unseres Stadions noch Restbestände von Retter-T-Shirts, die wir großzügig an unsere heftig geschrumpften Dinosaurier verschenken könnten, natürlich nicht, ohne die strapazierfähige Baumwolle vorher einzufärben (oder ist es Polyester, was zum Plastikstadion besser passen würde?). Doch das wirft wiederum neue Fragen auf: Rot-Weiß? Weiß-Rot? Blau-Weiß-Schwarz? Oder doch Schwarz-Weiß-Blau? Wer zählt die Farben, nennt die Stadionnamen?! Im Gegenzug dürfen wir dafür am Millerntor die Stadionuhr installieren, gültig auch für die 2. Liga.

Wir St. Paulianer, einst das „enfant terrible“ im deutschen Fußball, bevor uns der Lokalrivale diesen Titel wegnahm, werden die Retter der siechen Lachnummer der Nation, werden die barmherzigen Samariter über Stadtgräben hinaus! Kühne bleibt in Schindellegi, Seeler in Norderstedt und dieser Turnbeutelvergesser Peter Knäbel, als Spieler einst noch einer von uns, heute unser Maulwurf beim Konkurrenten, holt wieder mal seinen viel zitierten Stahlhelm aus dem Schrank und übernimmt erneut den Trainer-Job. Ich bin sicher, dann geht es wieder aufwärts und die Rothosen werden endlich wieder …. Mittelmaß!

Aber das wäre für uns Journalisten der Super-GAU, eine Katastrophe wie der Abgesang der FDP, - womit wir wieder am Beginn dieser Geschichte wären. Denn ohne diesen anderen Hamburger Verein, dessen Name mir so schwer (und heute möglichst gar nicht) über die Lippen kommt, und ohne die FDP, fehlt uns der Stoff für Glossen und Satiren!

„Was ist der Unterschied zwischen einem Smart und der FDP?“ So könnten wir dann nicht mehr fragen, um uns an der Antwort zu ergötzen, die darauf verweist, dass der Smart immerhin über zwei Sitze verfügt. Und was diesen Hamburger Spottverein anbelangt, könnten Astra-gestählte Fans nicht mehr über diese kleinste deutsche Brauerei lachen, die jährlich lediglich 11 neue Flaschen produziert. Und wohin mit den Scheidungskindern, die, weil von beiden Elternteilen immer verprügelt, weder zum Vater, noch zur Mutter wollen, sondern zum HSV, weil dort doch niemand zuhause geschlagen wird?

Und auch wir St. Paulianer hoffen, uns weiterhin an unserem Nachbarn reiben zu können. Aus Gewohnheit wichtig! Wie sollen wir uns auch sonst die Nummer der Telefonauskunft merken? 11 HSV-Spieler realisieren in der 88. Minute, dass sie wieder mit 0 Punkten vom Platz gehen werden. Noch Fragen?