© Rainer Wulff (April 2013, später aktualisiert, Hörbuchfassung)

„Jimmy Kalaschnikow“, so erfährt man im Internet, „erblickte am 5. Juni 1960 in Wanne-Eickel das Licht der Welt. Er ist Gründer und Sänger der Punkrock-Band ‚Molotow Cocktail’ und hauptamtlich als EDV-Kaufmann in einem prominenten Hamburger Unternehmen tätig.“  

Und diesen Jimmy, der auch jenseits seines 50. Lebensjahres noch die bunten optischen Insignien der Punk-Szene zur Schau trägt (und das durchaus auch am Arbeitsplatz!), durchdrang – finanziell nicht gerade auf Rosen gebettet - plötzlich der heiße Wunsch, seinem irdischen Dasein eine entscheidende Wende zu geben. Dabei ging ihm vermutlich das berühmte Lied des Tevje aus dem Musical »Anatevka« durch den Kopf: »Wenn ich einmal reich wär’“.

Jimmy beschloss, auf kürzestem Wege zu Reichtum zu gelangen, ganz ohne Umweg über Liechtenstein oder die Cayman-Islands. Er bewarb sich als Ratekandidat bei »Wer wird Millionär?« und zwar nicht, um nur kostenlos ein Glas Wasser trinken zu dürfen. Die erste Eignungsprüfung war für ihn keine Hürde. Am Telefon beantwortete er ein paar simple Fragen, wobei die Scherzfragen oft die schwierigsten sind, wenn es z.B. heißt: „Was dient nicht zur Verhütung?“

A: Pille       B: Kondom       C: Coitus interruptus       D: Glücksspirale

An einem der vielen eiskalten Tage eines langen Winters aber schreckte ihn - mitten in der Arbeit zum Segen seines Unternehmens - jedoch die zweite Teststufe hoch. Er solle noch ein paar weitere Quizfragen über sich ergehen lassen, so wurde ihm beschieden, und zwar jetzt und sofort. Bekleidet nur mit einem dünnen Anarcho-Shirt verließ er mitten in einer wichtigen Projektbesprechung Hals über Kopf seine erstaunten Vorgesetzten. Schlotternd vor Kälte (und vielleicht auch vor Aufregung) stellte er sich auf dem zugigen Platz vor der roten Backsteinfassade des gewaltigen Firmengebäudes der erneuten Reifeprüfung. Auch dieser Test, quasi im gigantischen Kühlschrank, fand das Wohlwollen der Kandidaten-Sucher. Aber es gab noch eine 3. Runde: Man bat Jimmy, sich per Skype, also per Video-Telefon, persönlich und optisch vorzustellen. Diese Hürde bereitete ihm, dem EDV-Experten, überraschenderweise mehr Mühe, als alle Fragerei zuvor: Aber nachdem er Skype (das für einen Ex- oder Immer-Noch-Punker offenbar unbekannte Wesen) auf seinem PC installiert hatte, überzeugte er erneut mit Köpfchen (und sicher auch) seiner speziellen Optik die Casting-Crew in der Redaktion.Jimmy ward auserkoren, die höchste Weihe der Kandidatenkrönung entgegenzunehmen und machte sich auf den Weg ins Kölner Studio.

Und nun komme ich ins Spiel, obgleich ich Jimmy bis dahin eigentlich nur flüchtig kannte. Der doch offenbar so kluge Mann war nämlich auf die dumme Idee gekommen, ausgerechnet mich um Unterstützung als Telefonjoker zu bitten. Ich verwies ihn auf mein begrenztes Halbwissen und fragte, ob er wirklich bereit sei, seinen möglichen Millionengewinn durch meine Mitwirkung leichtfertig infrage zu stellen. Zu spät!

Die beiden anderen Telefonjoker, so ließ er mich wissen, seien ja auch noch da. Der Hinweis darauf, dass die personellen Alternativen aus zwei Lehrerinnen bestanden, beruhigte mich nicht wirklich. »Lehrerinnen, ausgerechnet Lehrerinnen«, stöhnte ich: »Glaubst Du etwa, dass Menschen, die – wenn sie denn nicht gerade in den Ferien weilen - kleinen Kindern Schreiben und Lesen beibringen, so schlau sind, Dir sagen zu können, ob in dem Jahr, in dem Angela Merkel Kanzlerin auf Lebzeiten wurde,

  1. der CSU-Politiker Peter Gauweiler sein Coming-Out hatte
  2. Boris Becker Gastprofessor an der Hochschule der Künste in Bremen war
  3. die Hamburger FDP ihren Landesparteitag in einer Telefonzelle abhielt
  4. Lothar Matthäus den Satz prägte: „Wir dürfen nur nicht den Sand in den Kopf stecken.“

Wobei dies sicherlich nicht mal zur Millionen-Frage langen würde, sondern bestenfalls 250.000 € wert wäre. (Richtige Antwort übrigens: Boris Becker, 2005 Professor für Fotografie in Bremen, nicht verwandt und nicht verschwägert mit der allseits bekannten personifizierten Peinlichkeit.)  

Und würde eine Lehrerin, wenn’s denn wirklich um die Million ginge, bei der Frage, wo die „20 nach 4-Stellung“ eine Rolle spielt, an den Kellnerberuf denken und die Anordnung eines edlen Bestecks? Würde eine Pädagogin auf die Frage nach dem Namen jenes Knaben, dem Wilhelm Tell einst den Apfel vom Kopf schoss, wirklich auf Walter kommen, wo die ihr anvertrauten Jungs doch heute Kevin, Leon oder Jannick heißen, alles keine Namen, sondern fast schon Diagnosen? Mein Gott, Walter! (oder auch Jimmy).

Jimmy bewies, dass er mich genauso wenig kennt, wie ich ihn. Er teilte mir mit, dass er mich zwar für eine mögliche Frage nach klassischer Musik vorgesehen hätte, was ich als Opernfan und professioneller Kritiker gerade noch akzeptieren konnte. Dann aber kam's: Die Beantwortung von Fragen aus dem Yellow-Press-Bereich, High Society und Königshäusern könne er doch sicher auch an mich weiterleiten! Ich machte ihm mit beleidigtem Blick klar, dass ich dafür der wohl denkbar ungeeignetste Kandidat wäre.

Ausgerechnet Königshäuser! Ich erinnerte mich an jenen 31. August 1997, einen Sonntag, an dem Lady Di beim Autocrash in einem Tunnel ums Leben kam und ich als Chef vom Dienst im NDR diese Meldung allein der Nachrichtenredaktion überlassen wollte, weil ich sie nicht für so relevant hielt, dazu einen ganzen Programmbeitrag, geschweige denn eine Sondersendung zu produzieren. Eine Einschätzung, die andere Kollegen nicht teilten und schnurstracks ins sonntäglich ruhige Funkhaus eilten, um das Publikum in allen Einzelheiten am Unglück teilhaben zu lassen, inklusive tief schürfender Betrachtungen des berüchtigten Hofberichterstatters Rolf Seelmann-Eggebert, der offenbar täglich ein ganzes Glas Tinte schluckt, um irgendwann auch in seinen Adern blaues Blut fließen zu lassen. Jimmy riet ich noch, in den wenigen Tagen bis zur Sendung ein paar Ausgaben der „Gala“ und der „Bunten“- allem Ekel zum Trotz - zu überfliegen.

Inzwischen befasste ich mich mit den von der Produktionsfirma zugeschickten Informationen. Formular D (wie Dora) etwa verriet, dass mein Festanschluss und ich am Tag der Aufzeichnung bereits zwischen 13 und 14 Uhr für einen Telefoncheck zur Verfügung stehen müssten. Und für die Aufzeichnung müsste ich von 17,30 - 22,30 Uhr denk- und sprechbereit neben dem Telefon hocken, und beim dritten Klingelton (nicht früher, nicht später) Günter Jauch zur Verfügung stehen. Formular D nahm mir aber auch die Illusion, in meinem Wohnzimmer einen ganzen Pool kluger Leute zu versammeln, jeder mit einem Internetanschluss versehen, um die zur Verfügung stehenden 30 Sekunden als Kompetenzzentrum diverser Spezialisten optimal nutzen zu können. Dies sei, so erfuhr ich, verboten und führe bei „Zuwiderhandlung“ zur Disqualifikation des Kandidaten.

Am Montagabend um 18,30 Uhr klingelt mein Telefon. Ich vermute, vor längerer Zeit schon ausgerechnet für diesen Abend zum Essen eingeladene Gäste, ein renommierter Kammersänger der Dresdner Semperoper mit seiner Frau, wollen eine etwas verspätete Ankunft ankündigen. Vorsichtshalber jedoch lasse ich es dreimal klingeln. Man kann ja nie wissen. Am anderen Ende ist….Günter Jauch, leibhaftig. (Dass der Kammersänger übrigens zeitgleich an der Haustür klingelte, trug in diesem Moment nicht gerade zu meiner Beruhigung bei.)

Und nun muss ich Euch leider enttäuschen: Eigentlich sollte Jimmys möglicher Weg zur Million und meine Nebenrolle als Telefonjoker diesen Text zu einem spannenden Finale führen. Aber kurz nach der Aufzeichnung rief mich Jimmy an und nahm mich ins Gebet. Vor der Sendung dürfe niemand über diese Folge von „Wer wird Millionär“ sprechen. Darum habe ich ihn, der gar nicht Jimmy heißt, sondern nur so ähnlich, für diese Geschichte ein wenig verfremdet. Und nach der erst Wochen später ausgestrahlten Sendung haben Jimmy und ich gemeinsam beschlossen, diesen Text nicht mehr zu aktualisieren. Nur soviel zum Schluss: Auf meine Hilfe durfte er sich kaum verlassen.

Im bereits zitierten Formular D der Produktionsfirma heißt es übrigens: »Als Telefonjoker können Sie maximal dreimal im Zeitraum von 6 Monaten teilnehmen.«Das aber werde ich mir noch sehr genau überlegen! Und: Wer will mich schon?