© Rainer Wulff (Januar 2014)

»Ich, Don Giovanni, in der Galerie meiner respektableren Vorfahren der 1003. Sohn eines edlen Geschlechts, gestehe vor der Welt (und ggfs. sogar vor Gott), dass ich Schuld auf mich geladen habe. Ich wollte doch nur ein kleines, freches, süßes Abenteuer. Stattdessen wurde ich zum Mörder.«

Nein, ich bin nicht völlig überkandidelt, wenn ich mich jetzt als Don Giovanni, als gnadenloser Frauenverführer oute. Ein Coming-Out der besonderen Art, wenn man mein Alter, meine Statur und sonstige von der Natur gegebene Besonderheiten zu Grunde legt. Aber tatsächlich: Ich war Don Giovanni,… auf der großen Freilichtbühne der Eutiner Festspiele, und das waren eben die ersten Sätze meines Textes.

Zugegeben, ich war kein junger, unwiderstehlicher und draufgängerischer Herzensbrecher, sondern spielte mit meinen zu jenem Zeitpunkt 68 Jahren einen altersweisen, abgeklärten, aber immer noch ein wenig zynischen Mann - vielleicht aus dem Totenreich kommend, vielleicht eine Art „Alter Ego“ oder eine Vaterfigur jenes Don Giovanni, dem ich in Mozarts Oper zur Seite gestellt wurde. Eine Schauspielerrolle oder auch eine Art Erzähler. Mittels eines Regiekniffes durfte ich im Finale sogar ihn, den just zu Tode gekommenen Wüstling, in dessen Windschatten ich als ironisch-rückblickender und kommentierender Beobachter agiert hatte, wieder ins Leben zurück befördern. Ein leider nur bühnentauglicher Trick!

Also: Don Giovanni im Doppelpack, zwei erotische Anarchisten. Dabei hatte ich jedoch ursprünglich an einen gealterten Leporello gedacht, an jenen unermüdlichen und treuen Diener, der in der Registerarie das bürokratisch penibel aufgezeichnete, ausschweifende Liebesleben seines skrupellosen Vorgesetzten aufblättert. »In Italien 640, hier in Deutschland 230, 100 in Frankreich und 90 in Persien. Aber in Spanien schon 1003.« Eine durchaus anstrengende Reisegestaltung, wie Loriot einst mit Recht bemerkte.

Regisseur Jörg Fallheier jedoch wollte ausgerechnet mir diese ganzen Weibergeschichten anhängen: »Aus dir mache ich einen alten Don Giovanni!“ hatte er verkündet. Widerspruch zwecklos! Meine Texte durfte ich selbst schreiben und sie flossen mir noch erstaunlich leicht aus der Feder. Aber mein Gesamtkunstwerk sollte ja in einer Bühnenrolle aufgehen, nicht nur gesprochen, sondern auch von mir gespielt werden.

Mit jedem Tag, der mich dem Probenbeginn näher brachte, wuchs meine Reue, mein Ärger über meine leichtsinnige Kühnheit. Ich bedauerte bereits das Ensemble, den Regisseur, das Publikum sowieso und vor allem… mich selbst. Spätestens als ich die Proben-Dispo in Händen hielt, wusste ich: Es ist zu spät! Und so begab ich mich in die Festspielstadt Eutin.

Dabei erinnerte ich mich an meine vorausgegangenen schauspielerischen Versuche. Als Sechsjähriger hatte ich in einer Schulaufführung eine immerhin aus zwei Sätzen bestehende Rolle in der berühmten „Vogelhochzeit“ ausgefüllt, damals noch ohne Vertrag und Gage. Damit hatte ich Eltern und Lehrkörper vermutlich weniger nachhaltig beeindruckt als mich selbst. Den Text habe ich nämlich noch heute im Kopf:

(RW spricht)Der schwarze Rab‘, das war der Koch, man sieht es an den Federn noch.“

Woran sich ein dreimaliges »Fideralala“ eines Kinderchors anschloss. Erschwerend kam hinzu, dass ich meine Textzeile singen musste.

(RW singt:) Der schwarze Rab‘, das war der Koch, man sieht es an den Federn noch.“ (Publikum:) „Fideralala!“

Vielleicht bot mein Auftritt ja den Grund dafür, dass die dem schwarzen Raben gewidmete Strophe inzwischen aus den Gesangsbüchern gestrichen wurde, wie ich beim Schreiben dieser Geschichte feststellen musste. Wenigstens Helge Schneider scheint sie aber noch zu kennen. In seiner sehr speziellen Bearbeitung der „Vogelhochzeit“ heißt es:

(RW singt): »Der Rabe, der Rabe, der trägt die Braut zu Grabe“, (Publikum:) »Fideralala«.

Immerhin vertraute man mir zwei Jahre später eine Nebenrolle in einem Weihnachtsmärchen an. Diesmal gab es eine Gage in Form einer Flasche Sinalco. Wiederum unvergessen mein Text:

»Ich bin der Himmelslaternenmann und zünde all‘ die Lichtlein an“.

Nicht gesungen, nur gesprochen. Kein Wort weniger, aber leider auch kein Wort mehr!

Dabei sollten im Hintergrund des Bühnenbildes kleine Sterne aufleuchten, was bei der Premiere nicht gleich klappte, allerdings meinen Auftritt verlängerte, weil ich einige Zeit (wenn auch nur im Dunkeln) verharren musste. Das mag vor allem meine Mutter bedauert haben, hatte sie doch eigenhändig den nachtblauen Kapuzenkittel des Himmelslaternenmanns aus eingefärbten Bettlaken genäht, - und das in den kargen Nachkriegsjahren!

Beachtet bitte die Vielfalt meiner Rollen: Jahre später glänzte ich nämlich als chinesischer Mandarin in einem von der gymnasialen Unterstufe aufgeführten Theaterstück (wobei wohl mehr das farbenfrohe Kostüm glänzte). An einen Text kann ich mich nicht erinnern. Ich spielte nämlich nur eine äußerst stumme Rolle.

Nun also, einige Jahrzehnte später, mein Schauspiel-Comeback! Und nicht nur ein oder zwei Sätze, nein, eine mehrstündige Bühnenpräsenz und viele Textseiten lang. In einem Vieraugengespräch bat mich der Regisseur vor Probenbeginn, dem Ensemble in keinem Falle zu erzählen, dass ich ein Laiendarsteller sei, weil die international und hochkarätig besetzten Opernprofis diese Unterbesetzung vielleicht als Zumutung empfinden könnten.

Bei den Proben, die oft bis in die späte Nacht andauerten, lernte ich viel. Die größte Schwierigkeit bestand darin mir zu merken, von wo ich jeweils auf- und wieder abzutreten hatte. Und: Wie geht man, wenn die Augen vom Verfolgerscheinwerfer geblendet sind, über Stufen und Unebenheiten, ohne Blickkontakt zum Boden. Noch vor der Ouvertüre sollte ich einen Schrankkoffer quer über die Bühne ziehen und dann - auf dem Monstrum sitzend - einen Prolog sprechen, der aber nach der vorangegangenen Kraftanstrengung bei den Proben etwas asthmatisch geriet, so dass wir beschlossen, das schwere Requisit bereits vor der Vorstellung in der Bühnenmitte für mich abzustellen.

Bühnenbilder haben ja dem Prinzip: »Vorne hui und hinten pfui« zu gehorchen. Sie sind potemkinsche Dörfer. In diesem Fall bot das herrschaftliche Palais des Edelmanns von vorne eine historische Schlossfassade, Bauten, Bögen und Säulensowie einen kleinen Balkon, von hinten jedoch eine kahle, von Stützpfählen getragene Holzwand und eine Leiter, die mir vor und nach einer Szene im 1. Akt eine wahre Klettertour – natürlich in der Dunkelheit - abverlangte, um für einen Monolog auf jenen Balkon zu gelangen. Das alles in grauen Lackschuhen, Größe 45 (ich brauche eigentlich Größe 47,5) und in einem so genannten Justaucorps, einem langen und etwa 15 kg schweren kostbaren Mantel, der nur mit Unterstützung eines hilfsbereiten Ankleiders anzuziehen war. Und in der Hand mein schwerer alter Diercke-Schulatlas, den ich als Don Giovanni ständig mit mir rumtrug, weil darin doch meine (besser gesagt, seine) sextouristischen Reisestationen markiert waren. (Ihr erinnert Euch: allein 1003 in Spanien!) Meine weiße Rokoko-Perücke indes erwies sich als überaus praktisch, hielt sie doch heftigem Regen stand, was ich in jenem nassen Sommer zu schätzen lernte. Ebenso wasserfest war die Schminke, die nach der Vorstellung auch Leitungswasser widerstand und nur mit der Haut vom Gesicht zu lösen war.

In unermüdlicher Probenarbeit hatten wir Mozarts Oper schließlich so oft Szene für Szene (und zuletzt auch komplett) gespielt, dass ich mich am Premierenabend fast schon ein wenig langweilte. Beginn: 20.30 Uhr, Schlussapplaus: kurz vor 1 Uhr! So manches Mal sollte ich noch im Laufe der vielen Vorstellungen Mozarts Einfallsreichtum verfluchen!

Die Belohnung bestand jedoch nicht nur aus der Gage (ja, Gage, keine Sinalco). Es gab nämlich an jedem Abend Standing Ovations von den Zuschauern im weiten Rund der Freilichtoper, die wir zwei Titelhelden, der junge und der alte Don Giovanni, nach dem letzten Takt gemeinsam entgegen nahmen, was mir natürlich schmeichelte, denn Bariton Jorge Lagunes ist ein internationaler Star - und ganz ohne Allüren. Und es gab Presselob, wobei zu meiner Überraschung immer wieder der FC St. Pauli ins Spiel kam, ein PR-Effekt, den der Regisseur, wie er mir später gestand, von Anfang an einkalkuliert hatte. Überschrift im Hamburger Abendblatt: „Stadionsprecher als Don Giovanni“. Weibliche St. Pauli-Fans begegnen mir seitdem mit einer gewissen Scheu. Fideralala!