© Rainer Wulff (Januar 2016)

Ein Friedhofsdrama

Wann immer es meine Zeit erlaubt, gehe ich auf dem Ohlsdorfer Friedhof spazieren. 235 000 Grabstätten, - das dauert, bis man alle besucht hat! Freunde der Yellow Press können hier sogar auf „Promi-Tour“ gehen. Autogramme der ewigen Untermieter wie Hans Albers oder Loki, neuerdings auch Helmuth Schmidt gibt’s allerdings nicht mehr. Selbst Inge Meysel oder Heinz Erhardt freuen sich aber bestimmt über jeden Besucher, was für Domenica schon zu Lebzeiten galt.

Hier beschränkt sich die Kommunikation nur leider auf Monologe statt Dialoge. Etwas für Wutbürger, um Dampf abzulassen, ohne Widerspruch befürchten zu müssen! „Herr Ex-Bundeskanzler: Das wollte ich Ihnen doch immer schon mal sagen!“

Ich spaziere also mal wieder zwischen den Grabsteinen, genieße die Ruhe (wenn auch noch nicht die Totenruhe). Ich freue mich meines Lebens zwischen so vielen Menschen, die das nicht mehr von sich sagen können.

Plötzlich fährt mir ein Schreck in die Glieder. Ich bin auf den kilometerlangen, verschlungenen Wegen mitten hinein gestolpert in eine Trauergesellschaft, nur etwa 20 Personen. Viele Freunde scheint „unser lieber Rudolf“, wie ihn der Pastor nennt, also nicht gehabt zu haben. Die Angehörigen haben beim Bestatter deshalb auch die Sparvariante gewählt. Keine stattliche Formation von Sargträgern. Also kein Anblick graugesichtiger alter Männer, die so aussehen, als müsse man sich Sorgen um die körperliche Unversehrtheit der Leiche machen, als würden sie nämlich gleich stolpern oder unter der Last des - vielleicht übergewichtigen -Toten zusammenbrechen. Oder als wären sie selbst als nächste dran.

In diesem Fall ruht der Sarg auf einer Art Bollerwagen und wird in jenem Moment, in dem ich um die Ecke biege und mitten ins traurige Geschehen platze, mit unziemlichem Gepolter in die zuvor ausgegrabene Vertiefung versenkt. Der Pastor bewahrt die Contenance und seine sprichwörtliche Leichenbittermiene. Natürlich im schwarzen Talar mit der hanseatischen Halskrause, traditionell bestehend aus 200 einzelnen Schleifen. Man nennt diese nicht gerade bügelfreien Verzierungen auch "Duttenkragen" (mit D, um Missverständnissen vorzubeugen. Bei Kiezbeerdigungen dürften banale Wortspiele mit dem Duttenkragen allerdings gang und gäbe sein.)

Pünktlich mit dem Verstorbenen wurde auch schon der Grabstein geliefert. Die goldene Inschrift kann ich aus dem Augenwinkel nicht wirklich entziffern. „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ meine ich zu lesen, aber bin mir nicht sicher, ob ich dabei nicht ein Opfer meines schwarzen Humors geworden bin.

Die kleine Trauergesellschaft hat es vermutlich eilig. Denn es ist Winter, bitterkalt, und wer sich nicht bereits im Zustand der Totenstarre befindet, wird von der Froststarre getroffen. Der heiße Kaffee in den friedhofsnahen Gaststätten wartet und der Beerdigungskuchen, dieser unvermeidbare Leichenschmaus: Man nehme 200 g Butter, 4 Eier…aber nein, das tut hier jetzt wirklich nichts zur Sache.

Natürlich hat man mich, den Störenfried, längst wahrgenommen und beäugt mich kritisch. Vielleicht eine willkommene Abwechslung zur Litanei des Geistlichen? Im Fernsehen sieht man bei Beerdigungen Kommissare, die die Trauergemeinde mit etwas Abstand vom Nachbargrab aus (nur unzureichend versteckt hinter einem Grabstein) kritisch mustern, meist dann, wenn es Unstimmigkeiten mit der Todesursache gibt.

Wer heuchelt mit dem größten Tränenstrom unglaubwürdige Trauer? Wer zeigt gar Nervosität? Wer strahlt Zufriedenheit aus nach dem Motto: „Hat doch alles geklappt, und keiner hat’s gemerkt!“

Vielleicht hält man mich auch für einen illegitimen Sohn des Verblichenen, der schon bald bei der Testamentseröffnung für Ärger, Enttäuschungen und Ohnmachtsanfälle sorgen könnte. Wird die Leiche dann so etwas wie klammheimliche Freude erleben und noch einmal für einen kurzen Moment eine Art Glücksgefühl genießen?

Inzwischen habe ich mein flottes Tempo etwas heruntergefahren, um die Trauernden nicht wie der Fuchs, der sich unversehens in einen Hühnerhaufen gemischt hat, aufzuschrecken. Ich setze eine unbeteiligte Miene auf, um mich als das zu zeigen, was ich bin: ein zufällig hereingeplatzter Spaziergänger, mit niemandem der heulenden Meute verwandt oder verschwägert. Und deswegen bin ich ja auch der Einzige weit und breit, der nicht in der Farbe des Todes gekleidet ist. Nein, ich trage, so wird mir in diesem Augenblick bewusst - von unten aufwärts - weiße Turnschuhe, eine abgewetzte Jeans, eine blaue Jacke (um nicht zu sagen „himmelblau“, noch schlimmer „HSV-blau) und auf dem Kopf eine...., ja, auf meinem Kopf eine….

In diesem Moment der Reflexion über meine unangemessene Garderobe ertönt ein spitzer Schrei, der die todernste Zeremonie weitaus gravierender stört, als meine weißen Sneakers. Mit ausgestrecktem Zeigefinger deutet eine schwarze Gestalt in meine Richtung.

Ein Gesicht ist nicht erkennbar, weil verborgen vom so genannten Witwenschleier, der offensichtlich noch nicht vom Vermummungsverbot betroffen ist. Dennoch spüre ich diese Augen, die durch den schwarzen, lichtdurchlässigen Spitzenstoff auf mich gerichtet sein müssen im Zustand von Panik, ja, äußerster Hysterie. Die Gestalt taumelt ein paar Schritte auf mich zu, in der linken Hand ein Strauß weißer Chrysanthemen, die sie eben noch auf den Sarg werfen wollte. Der Finger zeigt anklagend auf meinen Kopf, auf meine Mütze, eine warme Wollmütze, gekauft im Fanshop des FC St. Pauli. Die Mütze mit dem Totenkopf und zwei gekreuzten Knochen.

Ich denken an Sendungen wie „Vorsicht Kamera“ und spüre in mir die Verpflichtung, aus dieser Situation mittels einer schlagfertigen Pointe das Beste zu machen. Mit wenigen Worten müsste es doch gelingen, die Dramatik des Augenblicks, nun ja, in Wohlgefallen aufzulösen.

Zwar ist mein Atem von der eiskalten Friedhofsluft gefroren, aber ich höre, wie meine Stimme dennoch mächtig dröhnt, als ich rufe:

„Ja, ich bin‘s, der Sensemann,

und Du, Du bist als Nächste dran!

Eene meene muh, raus bist …Du!“

In diesem Moment wache ich auf. Ich habe kalte Füße, vermutlich, weil ich mich nicht richtig zugedeckt habe. Was für ein verrückter Traum! Ein Traum, der nur leider ein wenig zu früh ein Ende gefunden hat.

Gerne hätte ich nämlich als charmanter Witwentröster die verstörte Hinterbliebene noch zum nächsten Punktspiel eingeladen, natürlich ganz im Zeichen des Totenkopfs. Im Falle eines Heimsiegs wäre sie vielleicht sogar beschwingt als „lustige Witwe“ nach Hause gegangen, ganz ohne wehmütige Erinnerungen an „unseren lieben Rudolf“.

Zuvor aber hätte ich mit ihr in einem unserer Millerntor-Séparées noch mit einem Prösterchen aufs Erbe angestoßen und ein Stück Kuchen verdrückt, Beerdigungskuchen.