„Das darfst Du aber nicht weitersagen!“ Die Stimme eines kleinen Mädchens, flehentlich, aber doch auch ein wenig im Befehlston kommandierend, flutscht vom Bahnsteig der nahen S-Bahnstation erst übers Gleis, dann über zwei Gärten und schließlich über die Brüstung unserer Terrasse, mitten hinein in meine Ohren. „Werd‘ ich aber doch!“ erwidert trotzig die Freundin, - wenn’s denn eine echte Freundin sein sollte. Klingt eher ein wenig nach Kinder-Zickenkrieg.

In diesem Dialog, der nur in Satzfetzen zu mir herüber dringt, geht es um Max, einen Klassenkameraden. Max hat dem Mädchen, das um Geheimhaltung bittet, offenbar schöne Augen gemacht, - zumindest bildet sich die Kleine das ein. Und er hat ihr (angeblich) sogar einen Zettel in den Ranzen geschoben mit, so spekuliere ich offenbar zurecht, aufregendem Inhalt. „Stell‘ Dir vor, er hat mir geschrieben, dass…“ höre ich gerade noch. Aber in diesem Moment fährt die S-Bahn ein und übertönt ihre Stimme. So erfahre ich leider nicht, was Max denn nun geschrieben hat, ob ein paar poetisch-angehauchte Zeilen wie aus einem Poesiealbum oder nur eine banale Frage wie „Hast Du Mathe schon fertig?“ Die beiden Kinder steigen in die Bahn, die Türen schließen, die Episode ist beendet. Für mich zumindest.

 

Ich sitze im nagelneuen Strandkorb auf meiner sonnigen Terrasse,- Südwestlage. Wenn ich von diesem Strandkorb spreche, ernte ich stets spöttische Blicke. Strandkorb? In Hamburg? Weder Strand, noch Sommerwetter! Falsch, liebe Freunde! Ein solcher Strandkorb, natürlich blau-weiß gepolstert, der sogar eine 180°-Liegeposition ermöglicht, verlängert selbst nur durchwachsene Sommer um Monate. Ein paar Sonnenstrahlen im März reichen schon fürs Urlaubs- und Sommerfeeling, ebenso im Oktober, wenn nicht gerade ein (natürlich mit einem männlichen Vornamen getauftes) Orkantief etwas dagegen hat.

 

Diese Terrasse liegt etwa 80 m Luftlinie von der S-Bahnstation Kornweg/Klein Borstel entfernt. Man ahnt ja nicht, wie abseits des pulsierenden, stets lärmenden großstädtischen Lebens die Natur auch kleinste Geräusche transportiert. Zum Beispiel Sprache. Und zwar auf eine Weise, die nicht einmal als Störung wahrgenommen wird,- leise nämlich, unaufdringlich, eben natürlich. Lebenstöne, die man aufnehmen mag, Sprachfetzen, über die man aber auch hinweghören kann. Stets nur Kurzgeschichten, ohne „Happy End“, sogar ganz ohne „End“, denn irgendwann, etwa im 5-Minuten Rhythmus, fährt immer eine Bahn ein und schluckt jene Bahnsteig-Protagonisten, die mir deshalb nur kleinen Rätsel hinterlassen.

Mittags sind es häufig Kinder. Sie besuchen eine nahe gelegene Schule mit musischen Schwerpunkten und mehreren schuleigenen Orchestern.

Sie tragen Geigenkästen und Instrumentenkoffer oder verstecken sich hinter Kontrabasskästen, die größer und fetter sind als ihre Träger. Ich bin weiß Gott kein Freund von bellenden Hunden, von frei in 2-Zimmer-Wohnungen fliegenden Kanarienvögeln und tobenden Kindern. Obwohl ich weiß, dass es auch die geben muss und dass sie, falls ich dann noch lebe, irgendwann zu jenen Mitmenschen zählen, die meine Rente finanzieren,- die Kinder, nicht die Kanarienvögel. Meine Bahnsteigkinder, auch ständig piepsend, gurrend, glucksend oder gockelnd, oft aber streitend. Das gilt natürlich auch für Erwachsene, deren kleinen Geschichten ich lausche. Sekunden nur, einem Radiotrailer gleich. Vielleicht sogar ein Trailer zu ihrem Leben? Vergleichbar mit einem Konzert, von dem man nur den 1. Satz hört oder einer Oper, die ausschließlich aus der Ouvertüre besteht,- und die auch nur kurz angespielt.

 

„Ich lass‘ mir von Dir den Mund nicht verbieten!“ zischelt eine hörbar erregte Frau ihrem Mann zu (oder ist es gar nicht ihr Mann?). Und der wird aus dem Stand laut: „Ich kann Deine dauernde Eifersucht nicht länger ertragen!“ brüllt er sie an. Dann wird auch ihre Stimme gefährlich schrill. Gegenseitige Vorwürfe. Eskalierende Wortkaskaden. Handgreiflichkeiten sind zu befürchten. Ich überlege schon, 110 zu wählen. Doch da schluckt die eingefahrene Bahn auch diese beiden Streithammel. Allerdings erst nachdem er ihr geradezu geschäftsmäßig noch zugeraunt hat: „Übrigens: Wir müssen noch Klopapier kaufen.“

 

Die Szenerie wechselt schnell wie auf einer Drehbühne: Zwei neue Darsteller treten an die Rampe, die hier eine Bahnsteigkante ist. Sie stellen mit spätpubertärem Gegröle die rhetorische Frage: „Wer wird Deutscher Meister?“ Während die beiden noch ein überraschendes „Nur der HSV!“ hinterherschicken, setze ich ein schadenfrohes Grinsen auf, das die schon vorm Spiel bierseligen Gestalten nur leider nicht sehen können. Die Rothosen stehen nämlich mal wieder auf dem Relegationsplatz. Schade, dass ich die zwei letzten Optimisten nicht auch ein paar Stunden später bei ihrer Rückfahrt erleben darf. Fünf Bier mehr auf der Habenseite, aber wieder keine Punkte.

Wenn all diese Menschen wüssten, dass über Gleise und Gärten hinweg mitgehört wird, was sie im Moment sinnlosen Wartens zu sagen haben, ja, dann würden sie vermutlich den Mund halten. Sie hätten Zeit gewonnen, z.B. zum Nachdenken.

 

Liebe Leute, nehmt bitte zur Kenntnis, dass Ihr auf dem Bahnsteig Kornweg/Klein Borstel abgehört werdet, aus meinem Strandkorb, ...also nur bei gutem Wetter natürlich! Akustisch eine Art Logenplatz. Unabsichtlich, aber aufmerksam lausche ich Euch, ganz ohne technischen Schnickschnack und illegale Überwachungsmethoden. Auf der einen Seite die amtliche Videoüberwachung auf dem Bahnsteig, und hier Eure mir freiwillig und kostenlos überlassene Tonspur, ganz legal: lächerliche Szenen einer Ehe, akustische Einblicke in den Versuch, die eigenen Kinder zu erziehen und auch Geschichten aus dem Innenleben einer Schule, wobei es um die Erziehung fremder Kinder geht.

 

Wenn ich allerdings die Menschen, für die der Bahnsteig ungewollt für wenige Minuten oder auch nur für Sekunden zur Bühne wird, zusätzlich auch noch sehen wollte, müsste ich meinen schnuckeligen Strandkorb verlassen, und, um über die trennende Balustrade blicken zu können, auch noch auf einen Stuhl steigen. Dazu bin ich 1) zu faul, 2) zu alt und 3) würden diese kleinen akustischen Episoden ihren Reiz verlieren.

 

Aber einen Wunsch hätte ich denn doch: Gelegentlich würde ich mich ja gerne einmischen. Als Stimme aus dem Off! Als Paarberater beim Ehezwist, als Souffleur, wenn jemand offensichtlich nicht mehr weiter weiß, als donnernde Stimme aus dem Jenseits oder der nächsten Polizeiwache, wenn mal wieder jemand besoffen randaliert, Mitreisende bedroht oder ganz schlicht nur auf den sauberen Bahnsteig kackt. Ich müsste dazu ja nicht einmal ein Mikrofon und einen Lautsprecher installieren. Rein tontechnisch gesehen.

 

Ich könnte auch all die kleinen Geschichten, die mir die S-Bahn-Nutzer als Fragmente bieten, aufschreiben und mit Hilfe meiner ausufernden Phantasie tatsächlich zu einem Ende bringen, also immer dort ansetzen, wo die einfahrende S-Bahn dazwischen gegrätscht ist.

Aber nein, das würde dann doch wieder in Arbeit ausarten. Und dafür lege ich mich nicht in meinen Strandkorb: Blick ins Grüne, die Bahnsteigkulisse mit den schnell wechselnden Protagonisten im Rücken, die S-Bahn-Zügen als Pointenkiller. Um Bertolt Brecht ein wenig abzuwandeln: Die Zugtür zu …und alle Fragen offen!