An den Weg vom 3. Stock im heimischen Tornberg 31 in Hamburg Klein Borstel zum Millerntorstadion (meine neue Wohnadresse dort: Block H 7, Reihe 14, Platz 11) habe ich mich ja inzwischen schon gewöhnt. Früher: Anfahrt rund 2 ½ Stunden vorm Anpfiff in der noch dürftig gefüllten S- und U-Bahn. Im Stadion dann zügig und ohne Ganzkörperkontrolle durch alle Absperrungen direkt bis in die Sprecherkabine unterm Stadiondach, 95 Stufen hoch. Atemlos!
Heute: Anreise zwar erst 1 ½ Stunden später, dafür aber stehend und in vollen Zügen genießend. Vorm Stadion lange Schlangen, penible Kontrollen. „Was ist der harte Gegenstand oben rechts in Ihrer Jacke?“ fragt der Ordner in strafendem Tonfall. Ich zeige ihm mein Brillenetui. „Und unten links in der Hosentasche?“ poltert er. Ich präsentiere ihm mein Smartphone. Nach Pyro fragt er mich nicht. Immerhin!

Die Schalensitze sind offenbar nicht für meine Einsfünfundneunzig gemacht. Dieser Herr Mustermann, der dem Konstrukteur die Vorgaben lieferte, ist vermutlich 1,70 m groß und wiegt 60 kg. Und eng sind die Reihen, zumindest für uns Langbeiner. Jedesmal wenn jemand rein oder raus will (z.B. um während des Spiels neues Bier zu holen oder altes wieder loszuwerden) muss ich aufstehen. Bauch einziehen. Das geht ja noch, aber wie zieht man die Füße ein?  

Mein Gefühl für den alten Arbeitsmodus habe ich noch nicht ganz runterfahren können. Ich bemerke sofort, dass die kleine optische Störung, die schon gegen Ingolstadt die Videowand zierte, nicht behoben wurde, sondern nur von rechts nach links gewandert ist. Es beruhigt mich zwar zu wissen, dass Daggi auch  kompliziertere Spielernamen unserer Gäste unfallfrei über die Lippen bringen wird, aber ich frage mich, ob diesmal nach Toren die Videowand dazu wohl die richtige Spielergrafik zeigen wird. Also nicht Grafiken mit Spielern, die gar nicht auf dem Feld stehen, sondern noch auf der Bank schmoren. Auch nicht Sami Allagui, der neulich beim dritten Tor der Ingolstädter auf der Videowand gezeigt wurde, weil er - wie der Torschütze der Gäste - die Nr. 11 auf dem Trikot trägt. Pleiten, Pech & Pannen habe ich bei St. Pauli genug erlebt, schlimmstenfalls sogar verursacht. Da reagiere ich sensibel, vermutlich lebenslänglich.

Das Wetter kann diesmal nicht als Entschuldigung dienen, wenn das Heimspiel wieder nur suboptimal verlaufen sollte. Blauer Himmel, Windstärke 0. Ein sattgrüner Rasenteppich. Die Gegengerade bräunt im Sonnenlicht, auch wenn die Fans ganz offiziell aufgefordert werden, bei der Bundestagswahl nicht braun zu wählen. Beifall dafür, auch aus dem Gästeblock. Heute allerdings haben wir St. Paulianer mal wieder braun gewählt, unsere „Boys in brown“. Da stört es auch nicht, dass „Song 2“, unser Torjingle, schon vorm Anpfiff angespielt wird,- versehentlich. Kann man ja auch gar nicht oft genug hören!

Was dann im Laufe des frühen Nachmittags folgt, lässt sich so beschreiben: Wir werden Zeugen von gleich zwei Fußballspielen. Zuerst spielen nur die Weißen, schnell und direkt, schnörkellos und  erfolgsorientiert. Die 11 Braunen betätigen sich als Balljungen, die, haben die Weißen das Spielgerät doch mal verloren, es ihnen ganz beflissen wieder vor die Füße legen. Die bedanken sich dann auch höflich, indem sie uns ein Déja-Vu-Erlebnis bescheren: Wie schon eine Woche zuvor steht es alsbald 2:0 für die Gäste. Gibt es wieder ein 0:4, fragen wir uns alle. Aber dann beginnt ein ganz anderes, ein zweites Fußballspiel.

Den Anstoß für dieses Spiel liefern zwei Männer, die offenbar etwas gegen eine weitere Klatsche haben: Robin Himmelmann und Waldemar Sobota. Was in Nürnberg schon klappte, sollte doch auch hier funktionieren, jetzt, in der 28. Minute: Ein weiter Abschlag, eine Ballannahme der robusteren Art im Zweikampf, ein kurzer Sprint dem Gästekeeper entgegen und ein mitleidsloser Schuss ins Glück… und sogar ins Tor.

Die Belohnung folgt: „Song 2“  erklingt erneut, das Stadion bebt, ich bebe auch, springe vom Sitz, klatsche mit meinem neben mir jubelnden Freund ab….und wundere mich, dass auf der Videowand immer noch ein 0:2 angezeigt wird. Meine Nachbarn kramen mit zittrigen Fingern ihre Handys raus: Spiegel online, Kicker, Liveticker. Überall: 0:2. Dennoch erleben wir diesen Moment als Weckruf. „Das ganze Stadion!“ Und unsere Mannschaft. Die Jungs beschließen tatsächlich mitzuspielen. Kollektiv. Und sie belohnen sich und uns nur sechs Minuten später: Cenk Sahin, sich eben noch - anscheinend schwer verletzt - auf dem Boden wälzend, verzaubert uns mit einem seiner oft nur irrlichternden Alleingänge, diesmal jedoch mit einem Hauch von Genialität im Stiefel. Und mit etwas Glück. Sein strammer Schuss, leicht abgefälscht, landet unhaltbar rechts oben im Netz. Der Anschlusstreffer. Der Torjingle wird zum dritten Mal abgefahren, erstmals zurecht. Daggi am Mikro aus dem Häuschen, ganz St. Pauli aus dem Häuschen, auch ich aus dem Häuschen.

Die 2. Halbzeit: Zu den 29 546 Fans im Millerntorstadion gesellen sich jetzt noch 11 weitere Zuschauer: die Düsseldorfer Fortunen. Sie taumeln nur noch, vermutlich erschöpft von der 1. Spielhälfte.
Sie führen uns noch ein paar gymnastische Übungen vor, Seniorensportgruppe „Fit im Alter“. Sie hecheln – von wenigen lichten Momenten abgesehen - hinter den aufgedrehten Braunen her, die plötzlich ungewohnte Ballstafetten auf den tipptoppen Rasen zaubern. Es folgen aber vergebene Möglichkeiten im Minutentakt, viel Pech und strittige Entscheidungen eines Fifa-Referees, dem der „Kicker“ später bestätigt, bei (Zitat) „kniffligen Szenen fast immer richtig“ gelegen zu haben“: Die Fans sorgen für einen selbst für Millerntorverhältnisse unglaublichen Enthusiasmus und kreieren einen Gänsehaut-Roar. Noch einmal wird ein – leider nur vermeintliches - Tor gefeiert (Allagui im Abseits), diesmal ausnahmsweise ohne „Song 2“. Endstand, Ihr wisst es: 1:2. Das perfekte Drama. Nirgendwo verliert es sich so tragisch-schön wie bei uns. Darum auch Standing Ovations für null Punkte. Wir alle atemlos, obwohl Helene Fischer an jenem Abend im Volkspark und nicht am Millerntor ihren Fans die Luft abdreht.

Mein Sports Tracker, mein alle körperlichen Aktivitäten registrierendes Fitnessarmband, sendet mir am Abend eine Warnung, versehen mit einem blinkenden Herzsymbol. Die Nachricht dazu: „Der Sonnabend war kein guter Tag für Sie!“
War ich etwa kardiologisch überfordert aufgrund der Aufregung im Stadion? War der Puls astronomisch hoch? Neugierig prüfe ich die Daten. Ergebnis: Maximalpuls 75 Schläge pro Minute. Entwarnung! Der Tracker wollte mir nämlich nur mitteilen, dass ich – gefesselt vom Spiel auf meinem engen Sitzplatz – bewegungstechnisch weit unter meinem Soll war. Wie unsere Jungs in den ersten 30 Minuten.