Da steh‘ ich nun vorm armen Tor und treff‘ den Ball nicht, stell‘ Dir vor!“ Dieses Eingeständnis eines Spaßvogels wird so mancher von uns aus eigener Erfahrung und Unzulänglichkeit unterschreiben. Andererseits: „Der Ball ist schneller als jeder Spieler“, meinte einst Sepp Herberger. Wenn allerdings der legendäre Urvater aller Jogi Löws recht hatte mit dieser Binsenweisheit, warum ist dann noch nie ein Trainer auf die Idee gekommen, statt 11 Spieler mal 11 Bälle auf den Rasen zu schicken? Besser doch, als wenn nämlich der Fernsehreporter erklären muss, dass die Braun-Weißen das Spiel ohne Ball noch immer nicht begriffen häben.  

Der Ball, das launische Wesen, unzuverlässig, eigenwillig. Der Ball, unsere Liebe, der Ball, oft genug der Feind unserer Spieler.
„Der Ball ist“, so verrät uns das Lexikon, „ein rundes, üblicherweise kugelförmiges, seltener ovales, elastisches Spielzeug oder Sportgerät aus Leder, Gummi oder Kunststoff… Der Begriff ‚Ball‘ ist ein germanisches Erbwort, welches sich von dem Wortfeld für ‚anschwellen‘ ableiten lässt und darum mit dem griechischen ‚Phallos‘ urverwandt ist.“

Aha! Klar doch! Was reimt sich denn sonst wohl auf „kicken“? Das Faszinosum „Ball“ hat, wie wir spätestens seit Sigmund Freud wissen sollten, eine sexuelle Komponente, wie nahezu alles in unserem Leben. Darum spielen wir auch nicht mit Stoffbällen, sondern mit Bällen aus Leder, Gummi, gelegentlich auch Kunststoff, Materialien also, die geeignet sind, nicht nur in hartgesottenen Fetischistenkreisen ähnliche Zustände der Erregung zu kreieren, wie wir sie von einem 1:0 in der Nachspielzeit kennen, oft verbunden mit rasendem Puls, erhöhtem Blutdruck und Hitzewallungen. Reaktionen also, die auch einen Orgasmus begleiten und im schlimmsten Fall mit einem Infarkt enden. Der Tod beim Geschlechtsakt oder auf der Tribüne eines Stadions im Siegestaumel. Tod ist Tod, aber lässt es sich schöner sterben?

Der Ball ist überall. Sogar schon bei Shakespeare: „Ein Ball, mein Königreich für einen Ball“, so (oder so ähnlich) soll Richard III. doch gefordert haben, - ein Grund dafür, dass die Engländer sich als Erfinder des Fußballs aufspielen. Und wenn Loriot z.B. meinte, ein Leben ohne Möpse sei möglich, aber sinnlos, dann meinte er natürlich nicht diese fast quadratischen Köter, die zu Übergewicht neigen und am Nacken Speckfalten entwickeln, also unserem Tribünennachbarn ähneln, der sich vom Mops nur dadurch unterscheidet, dass er zum Beinchenheben eins der Stadionpissoirs aufsucht und nicht den nächsten Baum.
Nein, Loriot, als Herr von Bülow ein für seine Distinguiertheit bekannter Edelmann, meinte natürlich Frauen mit einer ausgeprägten Oberweite, mit „Big Balls“. Nur feinsinniger ausgedrückt. Auch für Männer mit sportlich ausgeprägter Brustmuskulatur gibt es natürlich einen passenden Begriff: Ballermänner. Obwohl das missverstanden werden kann, werden die bereits erwähnten weiblichen Brüste mit Übergröße im Saarland doch auch als Ballermänner bezeichnet. So peinlich sind die Saarländer nun mal!

Es gibt Fuß-, Faust-  und Handbälle, Soft-, Schlag- und Schleuderbälle, dicke Wasserbälle und dünne Tischtennisbälle. Nur die Eishockeyfans wollen mit Bällen nichts zu tun haben. Ihre Welt ist nicht kugelrund, sondern immer noch eine Scheibe.
Bälle begleiten uns von Kindesbeinen an: Wir nuckeln an der Mutterbrust. Zum Kinderspielzeug gehören bunte Bälle. Kranke trainieren mit Medizinbällen, Gesunde, die nicht krank werden wollen, malträtieren neuerdings ihre Faszien, indem sie mit dem geschundenen Rücken über harte Tennisbälle rollen. Ein bisschen Maso ist das, womit wieder die sexuelle Komponente ins Spiel kommt.

Auf der Suche nach der Kulturgeschichte des Balles geriet ich an eine Aufzählung der wichtigsten Erfindungen. Die Top 100 der Menschheitsgeschichte. Ein St. Paulianer muss sie geschrieben haben, denn das Bier steht an erster Stelle, allerdings nur, weil es bereits vor 6000 Jahren erstmals gebraut wurde, gefolgt von der Erfindung des Rades, des Papyrus, der Pyramiden und des Alphabets. Gefährlich das Schwarzpulver, weitsichtig die Brille und bevölkerungspolitisch ebenso weit-, wenn auch durchsichtig, das Kondom. Aus meiner Sicht unwichtige, aber dennoch erfolgreiche Erfindungen:  die Barbiepuppe, das Mainzelmännchen, das Haarspray und die Gummibärchen. Wichtig für manche: das Ohropax, vor allem für jene hier, die sich hier jetzt langweilen.

Auf meiner Suche nach Quellen für die ersten Ballspiele in Europa entdeckte ich schließlich eine sensationelle Spur. Mir fiel ein Buch in die Hände: „Zeitgemälde der französischen Welt“, 1845 erschienen. Und, wie mir schien, der Beweis dafür, dass – man mag es ja kaum glauben -  Fußball zuerst von Frauen gespielt wurde. Gewissermaßen Bälle mit Bällen. Zitat: „Was wäre unser Leben ohne Ball? Wahrlich, es wäre nur ein eintöniges, lächerliches und prosaisches Ding. Wir armen Frauenzimmer haben doch nichts, haben nichts als den Ball, der unsere Füße ermüdet! Was würden wir nur treiben, wenn wir keine Bälle hätten?“
Der Reiz unserer Sprache liegt in ihrer gelegentlichen Doppeldeutigkeit. Hier ging es nämlich allein um den Ball als geschlechtsübergreifendes Tanzvergnügen. Aber auch der kann zu Bluthochdruck und Hitzewallungen führen. Auch solche Bälle haben bekanntlich eine sexuelle Komponente.