„Mehr Licht!“. Mit diesen Worten soll Goethe sich auf dem Totenbett verabschiedet haben. Was aber die neuere Goetheforschung keineswegs hergibt. Vielmehr verlangte der um Worte nie verlegene Dichter offenbar ganz profan nach einem Nachttopf. Mag ja, sein,- niemand von uns war dabei. Zum Glück!
Wir alle aber kennen berühmte letzte Worte. Der Architekt sagte: „Mir fällt gerade was ein.“ Der Postbote rief nur: „Braaaaver Hund“. Der Beifahrer beruhigte die Autofahrerin mit: „Rechts ist frei“. Der Taucher verabschiedete sich mit einem erstaunten „Hai!“ Und viele Fans unseres FC St. Pauli sagen: „Ich bleibe, bis wir deutscher Meister sind.“ Das gilt sicher auch für Daggi, obgleich sie nicht ans ewige Leben glaubt.
Meisterschaft, Champions League, wenigstens Europa League. Ich fürchte, es geht nicht um das „Wann“, sondern um das „Ob“. Also ob irgendwann.

Meine im Millerntorstadion per Lautsprecher an die Fans gerichteten letzten Worte kenne ich allerdings schon, denn sie sind bereits gefallen. Vor genau zwei Wochen. Nach dem 3:0 gegen Heidenheim. Das war das letzte Spiel, das ich als Stadionsprecher begleitet habe … für diese Spielzeit … und überhaupt.

Der Kreis schließt sich, konnte ich doch auch 1986 bei meiner Premiere einen klaren Sieg bejubeln: 5:1 gegen Rotweiß Oberhausen nach frühem Rückstand. 2-mal durfte ich Dirk Zander und 3-mal Franz Gerber als Torschützen ausrufen. Rund 7000 Zuschauer gerieten aus dem Häuschen, genauer gesagt, sie klatschten wohlwollenden Beifall, unterstützt von zwei Tröten und einem Trommler. Die Rentner waren damals unsere Ultras. Die kämpften nicht etwa gegen Rassismus oder Homophobie, sondern allein gegen Blasenleiden, Bluthochdruck und Bronchial-Asthma. Unsere damalige B-Serie. Seltene weibliche Exemplare der Spezies Mensch wurden noch misstrauisch beäugt oder mit dreisten Sprüchen verschreckt. Auch bei uns.

Heute pilgern mehr als 4-mal soviele Fans ans Millerntor, mehr als ein Drittel sind Frauen. Schiedsrichterinnen und Stadionsprecherinnen sind beim Fußball heute aber immer noch die Ausnahme. Eins dieser seltenen Exemplare sitzt neben mir, Daggi, gewissermaßen „die Frau an meiner Seite“. Beständig scheint bei uns nur die Klassenzugehörigkeit zu sein, was ich in diesem Fall aber nicht unbedingt politisch misszuverstehen bitte.

Von ein paar Abstechern ins Ober- bzw. Unterhaus abgesehen, sieht die sportliche Bilanz meiner 31 Jahre beim FC St. Pauli nach einer Nullrunde aus. Plus-minus null: damals 2. Liga, heute 2. Liga. Der Kreis schließt sich.

Aber dies soll kein wehmütiger Abgesang auf mehr als drei Jahrzehnte werden. Zumal ich - auf diesem Hocker sitzend - bereits im vergangenen Herbst aus Anlass meines 30-jährigen Jubiläums unter dem Titel „Niemand siegt am Millerntor“ (natürlich mit einem Fragezeichen versehen) eine spöttische Zwischenbilanz gezogen habe.
Auch sowas nutzt sich ab. Wie der (übrigens von einem meiner ehemaligen NDR-Praktikanten geprägte) Begriff vom „Freudenhaus der Liga“, ein Wort oder auch Unwort aus dem wilden Aufstiegsjahr 1988.

Aber, ich gebe zu, für mich war’s fast immer ein Freudenhaus, trotz bitterer Niederlagen, prekärer Momente und allerlei Unzulänglichkeiten, die mit dem Begriff vom „besonderen Charme“ bemäntelt wurden.
Und gelegentlich auch noch werden, wenn ich an den Stromausfall kürzlich beim Würzburg-Spiel denke. Als ich mir einbildete, hier nichts Neues mehr erleben zu können, war der Saft weg. Das fehlte mir noch in meiner Sammlung ungewöhnlicher Erlebnisse am Millerntor. Daggi bewies Nehmerqualitäten und übernahm das Krisenmanagement. Nein, sie schlug nicht etwa die Hände über dem Kopf zusammen, sondern mischte sogar im Nachbarraum der Sprecherkabine ein ganzes Polizeikorps auf, gab Verhaltensanweisungen, routiniert und unaufdringlich. (Anschließend befragte sie dann vermutlich ihr Toilettenorakel nach dem Spielausgang.)

Der magische FC lieferte mir zum Abschluss auch sportliche Kuriositäten, z.B. das Wunder, dass auf die schlechteste Hinrunde der Vereinsgeschichte möglicherweise sogar die historisch beste Rückrunde folgt. Da fehlen ja nur noch zwei Punkte. Um es mal so zu sagen: drei von den zwei Punkten holen wir uns übermorgen. Fünf Siege in Folge gab es zuletzt lange vor meiner Zeit. Kein Déja-vu-Erlebnis also. Und Sonntag könnte der sechste Sieg nacheinander eingefahren werden, mit Können, Glück und dank unserer neuen B-Serie: Buballa, Buchtmann, Bouhaddouz. Meinetwegen auch Beerwagen, Bimmelmann, Balla und Bonther. Der Kreis schließt sich!

Ach ja, meine letzten Worte nach dem Abpfiff neulich waren übrigens „Tschüs, macht’s gut. Und bis zum nächsten Mal.“ Also ganz unsentimental. Alles wie immer. Denn es geht ja weiter. Für Euch und für mich. Ich gehe nur dahin zurück, woher ich gekommen bin. Von der Sprecherkabine und vom grünen Rasen wieder zu Euch, den Fans auf den Tribünen. Forza, FC St. Pauli!