Ich habe gleich mehrere Lieblingssportarten. Fußball gehört nicht dazu. Außer wenn St. Pauli spielt und ich meine Empfangssignale auf Sieg gestellt habe. Oder wenn der HSV spielt. Dann z.B. entwickele ich ungeahnte sadistische Charakterzüge, pole die Empfangssignale um und hoffe auf eine möglichst hohe Niederlage. Bei Ingolstadt gegen Wolfsburg oder Leverkusen gegen Hertha reicht mir eine kurze Zusammenfassung im Fernsehen oder nur das Ergebnis. Manchmal genügt mir aber auch bei Auswärtsspielen unserer Braun-Weißen nur das Resultat. Dann nämlich, wenn ich es ab der 60. Minute beim Stand von 1:0 für uns nicht mehr vorm Fernseher aushalte, das Gerät ausschalte, mich mit irgendeiner sinnlosen Tätigkeit wie dem Säubern der ohnehin schon blitzblanken Klobrille oder der Entlastung des Geschirrspülers durchs Abwaschen per Hand etwa eine halbe Stunde lang ablenke, um dann mit zittrigen Fingern erneut den Fernseher einzuschalten. Dann will ich das Endergebnis erfahren. Meist bin ich leider Sekunden zu früh, bekomme dafür aber gerade noch mit, wie der Gegner in der 5. Minute der Nachspielzeit den Ausgleich schießt oder sogar das Siegtor.


Vielleicht sind es ja diese frustrierenden Momente eines langen Fan-Lebens, die meine Vorliebe für andere Sportarten erklären. Was heißt andere Sportarten? Nahezu alle. Wintersport sowieso. Egal ob Rodeln mit dem Kopf nach vorn oder nach hinten. Oder Curling, politisch völlig unkorrekt und obendrein auch zu Unrecht als reiner Frauensport bezeichnet. Ihr wisst schon: permanent gebückt und überwiegend mit Schrubber und Wasserkessel.

Ich liebe auch alles, was sich auf Skiern bewegt nach dem schon etwas ausgelutschten Motto: „Sie standen an den Hängen und Pisten.“ Bei uns Norddeutschen sieht Skilaufen ja immer so aus, als bewegten wir uns auf zwei Fischstäbchen. Darum sind Fischköppe bei den ganz großen Abfahrten auch eher selten am Start. Für mich gilt sowieso die Devise: Lieber St. Pauli als St. Moritz! Im Sommer Leichtathletik, trotz Dopings. Ein russischer  Marathon-Läufer startet neuerdings als Sprinter auf der 100 m-Kurzstrecke, weil er seinem unnatürlichen Harndrang als Folge jahrelangen Ephedrin-Dopings nicht länger als 10 Sekunden standhalten kann. Und einige Leichtathletinnen wurden sogar gesperrt, weil sie mit dem frisch gewachsenen Penis die Hürden umgeworfen hatten.

Kürzlich nun sollte ich eine für mich neue Ballsportart erobern, nicht als Zuschauer, sondern als aktiver Sportler. Mir war ein einwöchiger Urlaub mit Crash-Kursus bei einem zertifizierten Golflehrer geschenkt worden.
Auch mein Freund Torsten versuchte, mich von der Attraktivität dieses Sports zu überzeugen. Ich sei doch längst in der „Generation Golf“ angekommen, so meinte er. 4-5-stündige zügige Spaziergänge auf sattem Grün, unterbrochen von heftigen Wirbelsäulenrotationen und der Suche nach von der Natur verschluckten Hartgummibällen seien meiner Gesundheit zuträglich. Ehrgeizig und eitel sei ich doch auch: Also beste Voraussetzungen für sportliche Erfolge in der Lebensphase präseniler Demenz.
Er selbst sei ganz besessen von diesem Sport, so berichtete zudem ein Bekannter. Er stehe seit seiner Pensionierung fast jeden Tag auf dem Golfplatz. Seine Frau habe ihn deshalb sogar eines Tages vor die Alternative gestellt: „Entweder das Golfen oder ich!“ „Und jetzt“, so sagte er, „jetzt vermisse ich sie nicht mal.“ Dann drückte er mir ein Lehrbuch in die Hand. „Golfregeln für Ahnungslose.“ Nur schlappe 465 Seiten lang und damit erheblich kürzer als die Gebrauchsanweisung meines neuen Fernsehers.

Ich informierte prophylaktisch meine Physiotherapeutin über meinen verwegenen Plan. Sie schaute mich entgeistert an, so, als wolle ich mit meinen verknoteten Fingern auf einem Klavier den sauschweren Mephistowalzer von Franz Liszt erobern. Mit mephistophelischem Lächeln meinte Sie: „Nun ja! Versuchen Sie’s!“ Dabei dachte sie vermutlich an bald folgende Rezepte und ihre gut bezahlten therapeutischen Bemühungen.

Der Katalog zur theoretischen Platzreifeprüfung umfasste170 Fragen, z.B.: „Welches Verfahren darf ein Spieler bei Behinderung durch ein unbewegliches Hemmnis in einem Hindernis anwenden?“ Keine Ahnung! Dafür erfuhr ich aber, dass mir im Bunker eine straflose Erleichterung gestattet würde. Ich dachte natürlich gleich an den demnächst begrünten Bunker neben unserem Millerntorstadion und auch an gewisse Örtlichkeiten, die der menschlichen Erleichterung dienen … und lag damit komplett falsch. Zu meiner Beruhigung las ich aber, dass ein Golfspieler einen von einem Regenwurm verursachten Haufen hinter seinem Ball entfernen darf, weil es sich um einen hinderlichen Naturstoff handelt. Regenwurm: Ich erinnerte mich an St. Paulis ehemaligen Mittelfeldstrategen Carsten Pröpper, der zur menschlichen Spezies der Bewegungsmuffel zählte. Irgendwann soll er sogar vom Tierschutzverein angezeigt worden sein, weil er regelmäßig 90 Minuten lang auf einem Regenwurm stand, nicht beim Golfen, sondern auf dem Rasen unseres Stadions.
Auch als vom Handicap die Rede war, das die Spielstärke eines Golfers beschreibt, dachte ich sofort an den Lederball. Habe ich doch über Jahrzehnte beim FC St. Pauli unzählige junge Männer beim verzweifelten Kampf gegen ihr Handicap erleben müssen.
Man denke nur an John Verhoek, der uns erst nach seinem Abschied endlich mal auf die Siegerstraße geführt hat, als er neulich als Stürmer des 1. FC Heidenheim per Eigentor zum 1:0 für Braun-Weiß einnetzte und sein von uns schon so oft verfluchtes Handicap doch noch überwand. Jetzt erst kann er von uns sein Abschlusszeugnis erhalten: „John hat sich um unseren Klassenerhalt verdient gemacht.“

Von der Theorie zur Praxis. Als ich endlich auf dem Übungsgelände eines Golfplatzes stand, hatte ich das Glück des Untüchtigen. Beim Putten schien ein gütiges Schicksal meine Bälle mit magischer Kraft ins Loch zu ziehen. Das Runde passte ins Runde. Und ich dachte: „Würden doch unsere Jungs ähnlich erfolgreich sein, wenn das Runde ins Eckige zu befördern ist!“ Dieser Wunsch ging zu meiner Überraschung ja prompt in Erfüllung: 5 Siege in Folge, einstelliger Tabellenplatz. Die beste Rückrunde der Vereinsgeschichte.

Am folgenden Tag stand der Driver auf dem Trainingsplan, der lange Abschlag, die Grundlage für den Erfolg. Sowas wie: Heerwagen schlägt ab auf Bouhadduz und der puttet ein. Mein Golftrainer verzichtete übrigens bei seiner Arbeit auf jegliche Zettelchen. Geht doch, Ewald! Dafür darf mein Golfausbilder aber mit dem Prädikat „Fully Qualified PGA Golfprofessional“ protzen, was viel mehr hermacht, als ein langweiliges „Fußballlehrer-Diplom“. Mit fließender Körperspannung und elegantem Schwung beförderte er den Ball beim Driver auf eine 200 m weite Reise. Die Flugbahn hätte ich gerne mit bloßem Auge verfolgt. Doch spätestens nach einem Zehntel seiner weiten, drohnenhaften Reise verlor ich das im Durchmesser nur gut 4 cm große Bällchen aus dem Blick. Keine Ahnung, wo es auf dem weitläufigen, obendrein mit künstlichen und natürlichen Hindernissen bestückten Golfplatz zur Landung angesetzt haben könnte.

In diesem winzigen Moment dämmerte es mir: Nein, das ist nicht mein Sport! Zu den größten Herausforderungen eines Stadionsprechers am Millerntor zählt es doch, an regnerisch-nebligen Novembertagen bei Flutlicht einen Fußball in Höhe des Strafraums vor der Nordkurve über eine Entfernung von ca. 130 m (nämlich von der Sprecherkabine aus) zu erkennen. Bei Stromausfall auch ohne Fernsehbild. Das ist schwer genug und gelingt nicht immer. Fünf Minuten sind dem Golfer gegeben, um seinen aus dem Blickfeld verlorenen Ball zu suchen. Das sollte man mal einem Fußballspieler zumuten! Ballsuche im Gestrüpp jenseits des Stadions. Diese Zeit möchte ich auch mir, obendrein schwer beladen mit 14 verschiedenen Schlägern und weiterem Equipment, nicht nehmen.

Dann lieber Spazierengehen. Oder Golf bequem im Fernsehen gucken.
Oder Bücher mit Golfwitzen lesen. Ja, da gibt es ganze Bücher! Zum Beispiel den: Sagt eine Golferin zu ihrer Freundin: „Ich habe endlich einen guten Schläger-Set für meinen Mann bekommen.“ Antwortet die Freundin: „Gutes Geschäft!“ Oder noch einen…ach nein, lassen wir das. Golfwitze sind nämlich alle ein bisschen fad. Wie dieser Sport. Ich habe den Kursus vorzeitig beendet, ganz ohne Handicap und Platzreife und ohne Rückenbeschwerden.

Ein wohlmeinender Golfer hatte mir vor meinem Experiment ein Einführungsvideo zukommen lassen. Titel: „Dein Handicap ist nur im Kopf“. Genau! Das wird es sein! Insofern habe ich ja sogar etwas gemeinsam mit den Rothosen aus dem Volkspark.