Während wir hier dumm rumsitzen und über Fußball reden, wird – Luftlinie 1.300 km entfernt – ein Fußballfest gefeiert. Im Gegensatz zu uns hier in der Mathilde Bar sogar mit himmlischem Beistand gesegnet: Fast 400 Kicker aus 66 Nationen tragen nämlich im Vatikan den Klerus-Pokal aus, die wahre, einzige vom heiligen Geist gesponserte Fußball-Weltmeisterschaft. Seit Anfang März und noch bis zum 28. Mai, dem Tag des jüngsten Gerichts (genannt „Finale“) im römischen Olympiastadion, jagen Theologiestudenten, junge Mönche und Priester dem runden Leder nach, so wie der Teufel den lieben Seelen. Auch die strammen Jungs der Schweizer Garde sind dabei. Das allein schon garantiert, dass auch die betagtesten der Kardinäle und Mitglieder der römischen Kurie ein wohlwollendes Auge auf die kickenden Jungmannen werfen. Frauenfußball ist im Vatikanstaat, wie man sich denken kann, ohnehin wenig verbreitet.
    
Papst Franziskus wird als fußballbessener Argentinier, der nicht nur die Madonna verehrt, sondern auch Maradonna, spätestens zum Endspiel erwartet. Favorit ist eine brasilianische Mannschaft mit Pater Neymar als Spielmacher. Der Namensvetter jenes Neymar da Silva Santos Júnior, der für den FC Barcelona kickt, gilt zwar als wenig talentiert, unterliegt dafür aber auch nicht der Gefahr, wegen Steuerhinterziehung demnächst eine Knastmannschaft verstärken zu müssen.

Die Fußballregeln gelten selbst im frommen Milieu, - weitgehend. Begegnungen am Sonntag, dem Tag des Herrn, sind natürlich verboten. Hörbares Fluchen wird sofort mit der roten Karte bestraft. Für kleinere Vergehen gibt es eine blaue Karte, d.h. eine 5-minütige Zeitstrafe. Das sollten die Fußballpäpste der Fifa auch in ihr Reglement schreiben. Endlich könnte die katholische Kirche mal als Vorbild dienen! Fünf Minuten, das reicht immerhin für ein Rosenkranz-Gebet, ein Vaterunser und das Gelübde, sich ab sofort an die Gebote zu halten. Bis man dann nach Ablauf der Auszeit mit frischer körperlicher und vor allem spiritueller Kraft wieder auf das Spielfeld zurückkehrt, - bereit zur nächsten Blutgrätsche. Die Spiele dauern solange wie die Fernsehgottesdienste, also 60 Minuten. Auf eine Kollekte wird allerdings verzichtet. Wie heißt es doch in den Fifa-Statuten so treffend: „Mit Hilfe des Fußballs eine bessere Zukunft gestalten!“ Schöner könnte es keine päpstliche Enzyklika ausdrücken.

Was diese wahre und ganz aktuelle Geschichte mit unserem FC St. Pauli zu tun hat? Ja, warum tragen wir denn wohl das „Sankt“ im Vereinsnamen? Und warum haben wir uns einst nach dem heiligen Apostel Paulus benannt, der zuvor ein sündiger Saulus war?
So wie ich, der ich in jungen Jahren vor meiner Bekehrung noch die falschen Götter verehrte, die bis heute draußen im Hamburger Volkspark ihr Unwesen treiben? Warum also hat es der Vatikan nicht mal für nötig befunden, uns zum Klerus-Pokal, volkstümlich Katholen-WM genannt, einzuladen?
Unser Fanladen hätte ja sogar eine Pilgerfahrt organisiert. Und Andreas Rettich, auch „Schweinchen schlau“ genannt (was man, da es aus dem Mund von DFL-Funktionären kommt, nur als Adelsprädikat bezeichnen kann), Andreas Rettich also hätte auf der langen Fahrt über den Brenner aus der Bibel vorgelesen. Er hätte ungläubigen Fans klar gemacht, dass sich seine geliebte 50+1-Regel natürlich auf Psalm 51 bezieht: „Gott sei mir Sünder gnädig.“ Anschließend hätten die Mühsamen und Beladenen aus unserem Stadtteil den Vatikan gerockt!  

Aber warum, so frage ich weiter, hat der Papst denn wohl den Jogi, unseren Bundestrainer, zur Audienz empfangen, aber noch nicht Ewald? Ich habe einen Verdacht: Konkurrenzneid! Ewald kam in finsterer Zeit als Götterbote zu uns in die Millerntor-Kathedrale, wenn nicht sogar als Stellvertreter des Fußballgotts persönlich. Aber was heißt hier Stellvertreter? Er hat doch selbst zwei Stellvertreter für die Kärrnerarbeit auf dem Platz, zwei Messdiener: Abder und Olaf, - sowas wie Kain und Abel. Aber unser aller Fußballgott, das ist Ewald höchstselbst, auch wenn wir nach dem Ausrufen des Namens Jan-Philipp Kalla stets ein inbrünstiges „Fußballgott“ hinterherschicken. Zwar transportiert ihn noch kein braun-weißes Ewaldo-Mobil wie eine Hightech-Sänfte bei seinen Ehrenrunden um den grünen Altar, aber die Fanchoräle huldigen ihm mit Inbrunst, unserem Retter aus dem tiefsten Tal der Tabelle, ja, selbst nach schmerzhaften Niederlagen. Fehlt nur noch, dass unsere überwiegend atheistischen Fans einen trefflichen Choral von Johann Sebastian Bachs anstimmen: „Nun komm, der Heiden Heiland“.

Wenn wir heute über Rituale bei Heimspielen reden, dann darf auch der Vergleich mit der kirchlichen Liturgie nicht fehlen. Erst die frohen Botschaften aus der Welt der Wirtschaft. Dann der Blick auf andere Menschen, nämlich auf die parallel zu unserem Hochamt stattfindenden Liga-Spiele in anderen deutschen Bistümern, gefolgt von der lobpreisenden Hymne unsere Gäste (leider immer noch ohne Orgelbegleitung), danach die von uns Stadionsprechern zelebrierte Liste unserer Heiligen, die von den Gläubigen auf den Rängen kultisch verehrt werden und deren Nachnamen sie rufen, auf dass sie wie eine biblische Offenbarung uns erscheinen mögen, - was dann ja Minuten später regelmäßig und auf wundersame Weise geschieht, ausgerechnet aus der ewigen Finsternis eines nachtschwarzen Tunnels kommend.

Davor aber noch inbrünstiger Gesang unserer Gemeinde, fast 30 000 Mitmenschen, mehr als Christus zu Lebzeiten je auf einmal erreicht hat. Christus, Ihr wisst: Der stand im Tor von Nazareth und seine Jünger leider im Abseits. Die Gemeinde stimmt „Das Herz von St. Pauli“ an. Singend gedenken wir mit diesem Lied auch der Armen und Bedürftigen im benachteiligten Stadtteil und nehmen uns vor, unsere geleerten Mess-Becher nach Ende des Gottesdienstes in dafür von unserem Brausehersteller Hella bereit gestellte Behälter zu werfen zwecks Speisung der Armen durch uns Barmherzige. (Ein Vorsatz, der spätestens dann wieder vergessen ist, wenn wir das Pfandgelt kassieren und uns von der Einnahme ein weiteres kühles Labsal gönnen.)
Dann aber endlich unsere Höllenglocken, die – zum Glück nur unseren Gästen - nach guter katholischer Tradition Angst und Schrecken einflößen und auf ein elendes Dasein in der Verdammnis vorbereiten sollen, - vergleichbar mit der 3. Liga oder dem Rostocker Ostseestadion. Währenddessen gönnen wir uns das Abendmahl, das allerdings nicht aus labberigen Oblaten und saurem Wein besteht, sondern aus versalzener Currywurst und lauwarmem Astra.

Für uns, liebe St. Paulianerinnen und St. Paulianer, verehrte Gemeinde, liebe Glaubensschwestern und –brüder, für uns ist das Heiligengeistfeld aus all diesen Gründen nicht der heruntergekommene, öde Platz neben unserer Kathedrale, sondern das Heiligengeistfeld ist für uns Nachfahren des Paulus unser immergrüner Rollrasen, egal, ob frisch verlegt oder mal wieder so holprig, dass die Götter den beichtenden Platzwarten verzeihen mögen.
Und am Schluss verrate ich Euch noch ein Geheimnis: Das Wasser, das, auf unterirdischen Kanälen zu uns fließt und vorm ersten Hallelujah auf den Rasen gesprüht wird (geeignet Daggi oder mir den Schlüpfer zu durchnässen), dieses kalte Nass ist kein normales Wasser: Nein, es ist Weihwasser, gesegnet von einem anderen Götterboten, von Oke Göttlich, - womit wir am Ende dieser Geschichte wieder beim Aberglauben wären.