Als Karlheinz ein kleiner Junge war (und das war in den  Nachkriegsjahren) verwirrte er Erwachsene, die ihm die blöde Frage stellten „Was willst Du denn mal werden, wenn Du groß bist?“, mit nur einem einzigen Wort: „Troll!“  Das entsprach nicht der Erwartungshaltung der Fragesteller. Lokomotivführer, so hieß es normalerweise. Auch Kohlenhändler waren damals favorisiert in kalten Wintermonaten. Karlheinz wollte aber ein Troll werden, so ein plumper, knuffiger Zwerg, der sich von Rüben ernährt, wie übrigens auch Karlheinz, als noch Steckrüben den dürftigen Speisezettel dominierten.


Trolle sind in der nordischen Mythologie kleine Ungeheuer, denen die Rolle des Bösen zugeschrieben wird, das Gegenstück zu guten Feen und Elfen, die für Karlheinz sowieso nicht als Vorbilder infrage kamen. Er war nämlich ein blasser Junge mit langer Nase, aber vierschrötig schon im Kita-Alter. Die Rolle eines Trolls war ihm auf seinen pummeligen Leib geschrieben. Ihn reizte auch jene unterschwellige Bosheit, jene hinterhältige Gemeinheit, die Trollen zugeschrieben wird.
So hat sich doch bis heute jener Mythos gehalten, wonach diese buckligen Bösewichte kleine Kinder stehlen und ihre eigene (natürlich missratene) Brut ins Bett fremder Eltern legen, wodurch der Begriff des Wechselbalgs entstanden ist.
Aber bereits als Karlheinz die Pubertät hinter sich gelassen hatte, schien sich die Sache mit dem Troll erledigt zu haben. Er war nämlich hoch aufgeschossen, 1,85 m groß und damit eher ein drolliger Riese, als ein trolliger Zwerg. Also sowas wie Tim Wiese.

Karlheinz weiteren Lebensweg an dieser Stelle zu erzählen, wäre verlorene Zeit. Alles nahm den ganz normalen kapitalistischen (meinetwegen auch sozialistischen) Gang: Ausbildung, Beruf, Ehe, Scheidung, nochmal Ehe, Rente. Diese Aufzählung wäre vollständig, wenn sie mit dem Begriff „Tod“ komplettiert würde. Aber soweit war Karlheinz ja noch nicht. Sein ihm verbliebenes Restleben zu füllen, wurde zu seiner letzten Herausforderung. Er beschloss, dem öden Einerlei seine lange Nase zu zeigen und wurde, na klar, ein Troll. Endlich! Karlheinz war nämlich im Netzzeitalter angekommen.

Gemeinsam mit Hannelore, einer verrenteten Gewerkschaftssekretärin, die jetzt mit dem Verkauf selbst gehäkelter Klodeckelüberzüge ein karges Zubrot verdient, einem pensionierten Eisenbahner im Alzheimer-Vorstadium und einer leitenden Privatbeamtin, auch Hausfrau genannt, hatte er sich einem Startup anvertraut, das Computerkurse für Senioren anbot. Verkaufsmotto: „Dein Anti-Aging-Programm sitzt im Gehirn“. Was allerdings bei Alzheimer-Patienten wenig nützt und darum so geschmacklos ist, als würde man um Krebskranke mit dem Slogan werben „Tumor ist, wenn man trotzdem lacht“.
Karlheinz kaufte sich nach seinem mit einer Art Jodeldiplom beendeten Kursus einen „Personalrechner“, wie er seinen PC nennt. Senioren wird sogar eine Lifetime-Garantie geboten, allerdings (bei Berücksichtigung des demografischen Risikos) unter Ausschluss von Ratenzahlungen. Die Startseite ist www.zdf.de. Eine Force-Feedback-Komponente der Maus gleicht automatisch einen altersbedingten neuropathischen Tremor der Hand aus. Und in dieser Altersgruppe sehr beliebt: Wenn man fünf Minuten lang keine Taste drückt, wird automatisch der Notarzt alarmiert.

Spezielle Computerspiele werden natürlich auch angeboten. Hannelore, ehrenamtlich stellvertretende Schriftführerin des FC St. Pauli-Fanclubs „Braun-Weiße Häkel-Zecken“, Hannelore also bevorzugt jene Spielvariante, mit der Moorhühner (braun-weiß gefiedert) nicht abgeschossen, sondern gefüttert werden. Cooking Mama, die erwähnte Hausfrau, ist inzwischen so heftig vom Computer-Virus befallen, dass sie die Frage ihrer Tochter, wie denn Kinder gezeugt würden, mit einer Software-Gebrauchsanweisung beantwortete: "Gebärmutter anklicken - Kind downloaden."
Der PC hat auch Karlheinz Leben verändert. Selbst nachts. Quälte ihn früher regelmäßig gegen 3 Uhr sein Harndrang, plagt ihn jetzt um 3 die Neugier auf einen neuen Tweet von Hannelore. Die Prostagutt-Werbung hat sich also bewährt: „Weniger müssen müssen!“

Karlheinz hat in den sozialen Netzwerken inzwischen eine ihn beglückende Profession gefunden: Er schreibt regelmäßig, wie er es nennt, „Leitartikel“, jeden Tag, jede Stunde, zu jedem nur denkbaren Thema. Sogar in kürzeren Abständen, als sich bei Parship Singles verlieben. Er braucht dafür nicht lange 11, sondern nur 3 Minuten, pro Text. Karlheinz treibt es an wie Sarrazin. Der verunstaltet aber (ganz altmodisch) weiße Papierseiten, die dann auch noch zu Büchern bzw. Hetzschriften, gebunden werden müssen. Karlheinz jedoch wird seinem bitterbösen Berggeistcharakter nordisch-arischer Herkunft dadurch gerecht, dass er als Internet-Troll mit einem wahren Trommelfeuer auf die emotionale Provokation anderer User zielt. Seine Spezialität: gefälschte Tagebücher. Zum Beispiel Erich Honecker (ins Netz gestellt unter dem Titel: „Weder Ochs noch Esel“) oder Ewald Lienen (Titel: „Ich schaue nie auf die Tabelle“) brachten Karlheinz sowas wie einen Oscar ein, den „Golden Fake“, …das ist eine Art falscher Hase.
Karlheinz Postings sind schnell zu erkennen. Seine Rechtschreib- und Grammatikschwäche bewirkt nicht nur, dass er das Wort „das“ immer mit Doppel-S schreibt, was einen Kommunalpolitiker der Linkspartei sogar veranlasste, ihm eine heimliche Nähe zur nationalsozialistischen Terrororganisation zu unterstellen. Vielmehr fällt Karlheinz aus dem Rahmen, weil er den Namen unserer Kanzlerin mit ck schreibt. Ihr Name taucht in all seinen Botschaften auf, weil Merkel mit oder auch ohne ck ja immer und an allem schuld ist, egal, ob es um Flüchtlinge geht, um Vogelgrippe, Glatteis im Sommer und Gewitter im Winter, Inflation, Deflation, Defloration, um Autoabgase oder Darmgase des Sitznachbarn im Block G 5 des Millerntorstadions oder auch auf der Rückfahrt im Metronom nach Winsen an der Luhe.
Neuerdings schreibt er sogar polemische Texte im Auftrag so genannter Schurkenstaaten. Kim Jong-un aus Nordkorea zahlt Zeilenhonorar, zum Glück nicht in der Landeswährung. Putin lässt den Rubel rollen und schickte zu Weihnachten eine Art „Care-Paket“ mit billigem Wodka und (gut versteckt dazwischen) Hacker-Anweisungen für die Bundestagswahl. Zuletzt schrieb sich Karlheinz auch für Donalds Dollars die Finger wund. Mit dem Ergebnis, dass Donald Trump jetzt Präsident ist, wodurch die USA nun auch zu den Schurkenstaaten zählen.

Doch jede Zeit hat ihr Ende: Neuerdings ersetzen so genannte „Social Bots“ die schrulligen Trolle. Propaganda, Parolen, Fakes, Imitate bei Twitter oder Facebook, ganz im Sinne ihrer Programmierer, sekundenschnell, computergesteuert. Bots-Trolle sind aus Karlheinz Sicht nichts anderes als schäbige Arbeitsplatzvernichter. Darum gründet er jetzt ein neues Netzwerk: Fakebook. Sein erstes Thema: „Die Erde ist doch eine Scheibe!!!“ Mit drei eindrucksvollen Ausrufezeichen. Karlheinz rotiert natürlich genau im Zentrum und wird sich keinen Meter bewegen. Damit er nicht an den Rand gerät und runterpurzelt.