Unsere Freundin Dolly ist 39 geworden. Nicht schon wieder, sondern erstmals. Und sie hat kein Geheimnis daraus gemacht. 39: Ein geradezu magisches Alter. Es gibt mehr Menschen, die behaupten, 39 zu sein, als 25 oder 47. Ein erstaunliches, aber erklärbares Phänomen. Das liegt daran, dass sich Frauen wie Männer bei der Frage nach ihrem Alter gerne, wenn auch gelegentlich etwas verschämt, zu 39 Jahren bekennen, - nicht ein Jahr, schon gar nicht 5 Jahre mehr! Auch dann, wenn sie bereits 40 sind oder noch älter. Mit 39 Jahren klinkten sie sich auf ewig in eine Endlosschleife ein, - manche sogar schon mit 29.

Irgendwann aber funktioniert das nicht mehr. Falten, wie kleine Furchen ins Gesicht geschnitten, hängende Mundwinkel, die den Kopf zum Trauerkloß machen, erste Cellulitis an diversen Körperteilen, leichtes Doppelkinn, asthmatisch gefühlte Atemlosigkeit nach einem kurzen Sprint zur abfahrbereiten U-Bahn. So schlimm hat es Dolly zwar noch nicht erwischt: Fitnesscenter, Make Up und Anti-Aging-Cremes stehen dem frühzeitigen Verfall im Wege. Aber als sie neulich nach ihrem Aldi-Einkauf die schweren Tüten und Taschen ins Auto hieven wollte, und ihr dabei ein attraktiver, wenn auch noch etwas pickeliger junger Mann ritterlich seine Hilfe anbot (wobei er sie auch noch unverschämterweise siezte), spätestens da realisierte sie, dass sich ihre charmante Lebenslüge nicht länger aufrechterhalten lässt.

Es folgte 1) ein von heftigen Weinkrämpfen unterbrochenes Gespräch mit der „besten Freundin“. 2) eine bis zum frühen Morgen dauernde Konsultation ihrer Frauengruppe „Femme fatale“ und 3) eine mehrwöchige kognitive Verhaltenstherapie beim Seelenklempner ihres Vertrauens. Am Ende stand ein schwerwiegender Entschluss: Unmittelbar auf die x-te Wiederholung ihres 29. Geburtstags folgt nun der von allen Freunden natürlich längst erwartete 39. Inzwischen ist ohnehin alles egal! Dieses Verhaltensmuster gilt nicht nur für alternde Hollywood-Stars oder gescheiterte Möchte-Gern-Promis, die sich in diesem Zustand gerne als Dschungelcampinsassen verdingen. Nein, auch für Durchschnitts-Normalo-Männer und natürlich auch Frauen wie Dolly.

Nun feiert sie also ihren Geburtstag nicht als Wiederaufnahme einer allseits bekannten Show, sondern als Premiere. Und das im vollen Bewusstsein, dass wir ihr im nächsten Jahr keinen Glauben schenken werden, wenn eine weitere Einladung zum 39. in unserem elektronischen Briefkasten landet.

In letzter Zeit stellt sich auch Dolly etwas trotzig immer wieder eine Frage: „Wenn ich schon nicht den eigenen Alterungsprozess verhindern kann, warum müssen dann auch die Protagonisten meiner amourösen Abenteuer älter werden?“ Denn die waren und sind nur etwa halb so alt wie Dolly und, wären sie nicht als Liebhaber auserkoren, auch als Söhne tauglich und sogar vorzeigbar. Die Kontaktaufnahme wird jedoch allmählich mühsamer, ebenso der Small Talk. Sich bei Tinder 10 Jahre jünger zu machen, bringt keinen Gewinn, weil das jeder und jede macht. Nein, Dolly muss sich seit geraumer Zeit einfach mehr anstrengen, um für allerlei Lustbarkeiten und körperlichen Zeitvertreib stets wieder neues und frisches Terrain zu erobern. Je mütterlicher ihre Außenwirkung wurde, desto mehr schlüpfte sie in die Rolle einer – nennen wir es -  sozialen Jugendpflegerin mit ausschließlich männlichen Klienten. Den Sorgen und Nöten junger Männer zugewandt. Ratgeberin, auch und vor allem gerne, wenn es um Sex geht. Eine Art Frau Dr. Sommer, nur live.

Inzwischen nimmt sie dabei zur Not auch mal eine nur schwer behandelbare ADHS-Hyperaktivitätsstörung eines sonst ganz knackigen Jünglings in Kauf. Und sie stört sich auch nicht daran, dass sich nächtliche Gespräche unter der gemeinsamen Bettdecke plötzlich um die am nächsten Tag bevorstehende Mathearbeit drehen. Oder der junge Mann fragt plötzlich: „Wie feiere ich bloß meinen 20.?“ Spätestens wenn jedoch eine hakelige Zahnspange den Austausch von Körperflüssigkeiten behindert, sollte sie vielleicht doch die Notbremse ziehen und um Einblick in den Personalausweis bitten.

Auch mit Jugendsprech kennt sich Dolly inzwischen aus, auch wenn sie nicht mehr der Gazellenfraktion angehört (das sind die Mädels mit Konfektionsgröße 36). Nachdem ihr ein junger Mann beim Kuscheln (kuscheln, das heißt tauber Arm und Haare im Gesicht), nachdem ihr also beim Kuscheln jemand zuraunte, sie leide ja an beginnender Alzheimerbulimie und damit ihre süßen Fettpölsterchen meinte, hat sie sich schlau gemacht in Sachen „Jugendsprech“. Wenn wohlmeinende Freundinnen Dolly ganz diskret darauf hinweisen, dass im fortgeschrittenen Alter wilder Sex mit einem gerade mal Volljährigen nicht ganz ungefährlich ist, ist sie beratungsresistent und antwortet lakonisch: „Nun ja, dann stirbt er eben beim Sex mit mir. Gibt es einen schöneren Tod?“

Mit einer – zumindest  gefühlt - rückläufigen Attraktivität des eigenen Körpers ist Dolly kompromissbereit geworden. Sie lernt inzwischen, dem jüngeren Objekt der eigenen Begierde, von Streicheleinheiten begleitet, stundenlang zuzuhören.
Und das trotz gelegentlicher Unlust auf Gespräche mit gerade der Pubertät entwachsenen Jungmännern z.B. über die Frage, ob das erste Tattoostechen mehr Schmerzen verursacht als eine zahnärztliche Kariesbohrung, oder über das langweilige, weil vegane, von Mama zubereitete Pausenbrot oder – ein stets wiederkehrendes Thema in der „Bravo“ - über allergische Reaktionen auf Akne-Mittel. Das erinnert Dolly, die als letzter noch lebende Fan der Band „Tokio Hotel“ gilt, unweigerlich daran, dass die selbst der „Bravo für die ältere Generation“ immer näher kommt, und die „Apotheken Umschau“ eigentlich schon abonnieren könnte.  

Die dauer-ewig-endlos-39-jährige Berufsjugendliche stöbert seitdem beim Friseurbesuch in abgegriffenen „Grünen Blättern“ in der Hoffnung auf Erkenntnisgewinn über ersehnte Fortschritte der Schönheitschirurgie. Dagmar Berghoff kann ja wohl nicht im Ernst das letzte Wort dazu gewesen sein (besser gesagt, der letzte, leider heftig verunglückte Schnitt). Das ist dann der Notausstieg der schon mit Botox aufgewachsenen Generation, die sich dem natürlichen Alterungsprozess mit Haut und Haaren, genauer gesagt, mit schrumpelnder Haut und ausfallenden Haaren zur Wehr zu setzen versucht. 450 000 Einträge (Stand heute) warten nur darauf, unter dem Stichwort „Plastische Chirurgie“ gegoogelt zu werden. Bis Dolly die dazu gehörigen Texte verschlungen hat, was sie Jahre, wenn nicht Jahrzehnte ihrer auch nur endlichen Lebenszeit kostet, hat sich das Thema von allein erledigt.  
Jetzt aber reicht es mit so deprimierenden Erörterungen zum Thema „Alter“, auch wenn wir heute eine typische Gammelfleischparty feiern, wozu sich ein ganzes Krampfadergeschwader versammelt hat. Im nächsten Jahr folgt dann also Dollys 40. Und dann versteht sie es bestimmt als Riesenkompliment, wenn wir zu ihr sagen werden: „Hello Dolly, eigentlich siehst Du ja erst aus wie 39.“