„Es gibt nichts Sinnloseres als Fußball, außer Nachdenken über Fußball.“ Ein Zitat von Martin Walser, das ich mir zum 30-jährigen Jubiläum als Stadionsprecher zu Herzen genommen habe. Als inzwischen längst ältester und dienstältester Stadionsprecher im deutschen Profifußball hätte ich nämlich der Versuchung unterliegen können, mir tiefschürfende Gedanken zu machen über die Entwicklung dieser „schönsten Nebensache“ ganz allgemein und speziell über das, was sich am Hamburger Millerntor zwischen 1986 und 2016 vor meinen meist noch einigermaßen wachen Augen getan hat. Verkürzt gesagt:


    •    von allerlei Behelfstribünen zu einem Stadion nach Maß  
    •    von vier festangestellten Vereinsmitarbeitern zu einem Unternehmen mit personell üppig ausgestatteter Marketing GmbH, Service GmbH, Beteiligungs GmbH und vermutlich weiterer GmbH’s und Co-KG‘s
    •    vom Stadtteilclub zur (dem Totenkopf sei dank) international bekannten Marke
    •    von politischer Profillosigkeit zu Antirassismus und Kampf gegen Homophobie
    •    von roten zu schwarzen Zahlen  
    •    von der Nr. 2 im Hamburger Popularitätsranking zur Nr. 1
    •    von der 2. Bundesliga in die…ach nein, immer noch 2. Bundesliga, wie schon vor 30 Jahren, nur viel weiter unten in der Tabelle!

Ausnahmsweise hätte ich also mal tief schürfen können, kritisch und vielleicht sogar daran zweifelnd, ob es nicht besser gewesen wäre, meine Freizeit ganz anders zu gestalten, als für weit über 500 Fußballspiele minutiöse Ablaufpläne fürs Stadionprogramm zu schreiben zwecks Information und Unterhaltung von (im Laufe von drei Jahrzehnten) etwa 10 Millionen Fans.

Hätte ich mir nicht besser rund 50.000 manchmal schrecklich quälende Spielminuten ersparen können? Zum Beispiel Begegnungen mit Hansa Rostock, noch schlimmer, mit den Fans von Hansa Rostock? Oder Langeweile zwischen meinen an trüben sportlichen Tagen insgesamt nur zwei Ansagen innerhalb von 90 frustrierenden Minuten: einmal zur Gästeführung und später zur Auswechslung von braun-weißen Enttäuschungen, die oft abgelöst wurden von Spielern, die zurecht als notorische Bankdrücker auf die Welt gekommen sind.

Vielleicht hätte ich sogar die leider viel zu seltenen, aber doch durchaus begeisternden Spielminuten einfach verpassen können, indem ich mir stattdessen einen Dackel zugelegt hätte, mit dem ich immer pünktlich zum Anpfiff an der Elbe spazieren gegangen wäre, 90 Minuten lang, plus Halbzeitpause fürs Beinchenheben. Wie im Stadion.

Ich hätte mir auch ein Klavier zulegen können…und wäre heute vermutlich immer noch nicht über das Stadium „Flohwalzer“ hinaus, geschweige denn in der Lage, unser „Herz von St. Pauli“ auf den Tasten zu intonieren. Abgesehen davon, dass sich auch die auf dem Klavier angeschlagenen Höllenglocken von Hell’s Bells vermutlich recht dürftig und wenig furchterregend anhören würden. Ich hätte in meiner Freizeit auch als Hobbyforscher rauskriegen können, dass Hamster, denen man Viagra ins Futter gibt, keinen Jetleg kriegen. Das hat nun inzwischen, während ich am Millerntor meine Zeit verplemperte, jemand anderes, ein echter Wissenschaftler mit Doktortitel, in einer Studie veröffentlicht, der dafür sogar in der Zeitung steht. Schade eigentlich! Immerhin: Selbst Hamster sind natürlich auch braun-weiß!

Nein, jedes Mal wieder habe ich dann doch aufs Neue mitgefiebert, wenn sich 22 junge Männer am Millerntor einen Ball zuschoben, und am Ende gewann …. leider nicht immer unser FC St. Pauli. Aber um bei Martin Walser zu bleiben: »Sieger machen keine Erfahrungen, eine Erfahrung macht man als Verlierer.« Ein wirklich tröstende Wort, denn dafür hat mir mein Verein oft genug Anlass gegeben. Ich musste die leidvolle Erfahrung machen, dass die zum Gipfel der Euphorie der Fans beitragende These »Niemand siegt am Millerntor!« nicht mehr ist, als ein frommer Wunsch, der sich spätestens beim nächsten oder übernächsten Heimspiel bereits wieder erledigt hat, um dann aber schon wenig später Auferstehung zu feiern, beim folgenden Spiel. Eine Endlosschleife.

„Glaube, Liebe, Hoffnung“, so heißt ein schon vor 20 Jahren erschienenes Buch mit Geschichten über den magischen FC. Glaube versetzt nicht nur Berge (die seinerzeit schon - und leider immer noch - aus Maulwurfshügeln auf dem holprigen Rasen bestanden), sondern versetzt auch Fußballfans mit braun-weißen Genen in eine überschwängliche Gemütsverfassung. Die Liebe zum Verein, die wuchs bei mir merkwürdigerweise proportional zu enttäuschenden sportlichen Erlebnissen. Eine typische Trotzkopf-Reaktion! Und die Hoffnung? Ja, die ist allgegenwärtig. Aber worauf hoffen wir eigentlich? Klassenerhalt? Aufstieg? Deutsche Meisterschaft? Champions-League? Eine Frage, die ich bis heute nicht beantworten kann.
Und darum beschränke ich mich darauf, immer nur aufs nächste Spiel zu hoffen. Minimalistisch also. Wie unser Trainer. Der sagt ja auch: „Wir denken immer nur von Spiel zu Spiel!“
 
30 Jahre als Stadionsprecher, zunächst noch mittenmang auf der kleinen Haupttribüne, noch nicht von dicken Wänden, Glasscheiben oder gar uringelb verkleideten Ordnern „geschützt“ vorm direkten Zugriff alkoholisierter Fans. Ein Stadionsprecher zum Anfassen, was so mancher allzu wörtlich nahm. Später eingesperrt in eine Art Sperrholz-Stadionzelle. Zum Fensterputzen brachte ich Lappen und Klarspüler mit. Wasser holte ich mir auf der Toilette, sofern die Leitung mal nicht verstopft oder zugefroren war im alten maroden Stadion. Irgendwann im Winter hatte unser Techniker vergessen, den uralten winzigen Heizofen (auf meine Kosten erworben, weil der Verein ja immer sparen musste) nach getaner Arbeit auszustellen. Und dann begann es zu schneien. Zwei Wochen später: Leise rieselte der Schnee, immer noch. Spielabsage. Danach zwei Auswärtsspiele hintereinander. Und so verrichtete mein Elektroöfchen fünf lange Wochen seine Arbeit zuverlässig rund um die Uhr. In der winzigen Kabine extreme 49°, Death-Valley-Temperaturen. Endlich Schneeschmelze und Heimspiel. Bei meiner Ankunft sind die Kabinentür und die dünnen Sperrholzwände sogar von außen mehr als nur handwarm. Auf Stühle können wir uns nicht setzen, technische Geräte nicht anfassen, - alles glutheiß, …jedoch nichts verbrannt! Um es mal so auszudrücken: Mit ein wenig Glück wären wir schon ein paar Jahre früher in den Genuss eines neuen Stadions gekommen!
Und jetzt sitzen wir zu sechst hoch oben unterm Dach in einem fast schon komfortablen Sprecherzimmer mit Heizung, Licht (sogar elektrisch), und – nach Einreichung diverser Petitionen – neuerdings sogar mit einem Garderobenständer, an dem ich meine Reserveklamotten aufgehängt haben, bereit für den Fall, dass mich wieder mal die Rasensprenger während der Moderation auf dem Platz ins Visier genommen haben.
Laptops statt Block und Bleistift, Videoeinspielungen, ein Fernsehbild als Kontrollmonitor für unübersichtliche Spielszenen, wobei gesagt werden muss, dass dieser leider betagte Billig-Fernseher (immerhin nicht mehr schwarz-weiß) - unschärfere Bilder liefert, als meine kurzsichtigen Augen.
4, 5, 6 weitere flimmernde Bildschirme neben und über mir, von High-Tech umgeben. Neben uns die Polizei mit noch mehr Monitoren, auf der anderen Seite die Feuerwehr. Die Flurtür zu diesen so genannten „Funktionsräumen“ streng bewacht von Ordnern.

30 Jahre Herunterbeten der Aufstellungen, - viele tausend Namen von Spielern, die teilweise längst in Vergessenheit geraten sind. Aber auch immer wieder nach Einspielung von „Song 2“ die Fans beglückende Ansagen von über tausend braun-weißen Toren (ca. 5-mal mit falschem Torschützen, sorry!). Leider auch ernüchternde Nachrichten von Gegentoren, die viel zu oft bittere Niederlagen besiegelten. Weil aber, wie im richtigen Leben, auch Misserfolge tapfer runtergeschluckt werden müssen, leisten wir uns, anders als manche Mitbewerber, keinen zusätzlichen Stadionsprecher, der ausschließlich für die Übermittlung schlechter Nachrichten (also von Gegentoren) engagiert wird. Diese armen Kreaturen, die stets hoffen müssen, stumm bleiben zu dürfen, können ja von Glück reden, wenn sie am Ende des Spiels als Überbinger dieser Katastrophen nicht nach mittelalterlicher Art geköpft werden. Das würde doch zu diesem Sport passen, der davon lebt, dass permanent geschossen und geköpft wird. Oft auch hinter den Kulissen.

Unser Stadionsprecherkabinenmitrednerkollege Klaus Schüring schickte mir nach dem Nordderby gegen Hannover 96 eine Mail: „Nun war ich auch mal in Hannover im Stadion - ein Erlebnis, das ich aus sportlichen Gründen ebenso wenig wiederholen möchte, wie ich mir das Ambiente und Drumherum nicht ohne Not ein zweites Mal zu Gemüte führen wollte, - mal ganz abgesehen von der schlimmen Niveaulosigkeit des Publikums. Das Positive nach meinem Besuch in den meisten Stadien der Republik ist das Wissen darum, wie gut wir es am Millerntor haben.“

Auf den Punkt gebracht! Und darum möchte ich auch mit keinem unserer Kollegen, ob in München, Dortmund oder bei den Unaussprechlichen draußen neben der Müllverbrennungsanlage im Volkspark tauschen. Nicht mal für die Champions-League.
Aber lassen wir das! Nachdenken über Fußball lohnt sich wirklich nicht, denn dann ist der Zauber schneller dahin, als so manche braun-weiße 1:0-Führung. Ich weiß, wovon ich rede!