Es gibt Geschichten, die das Leben schreibt, die aber nie aufgeschrieben werden. Leider! Manchmal spielt darin derjenige, der sie erzählen könnte, eine so unrühmliche Rolle, dass er es lieber lässt. So wie Helmut Kohl. Der hat die Geschichte der Parteispendenaffäre nie erzählen wollen. Aus schlechten Gründen. Kollege Willy Brandt wurde laut Spiegel „von einer Liste mit Frauennamen zu Fall gebracht“. Namen, die der Schwerenöter natürlich nie genannt hat. „Der Kavalier genießt und … schwelgt“. Und auch ein anderer Kanzler hat, da bin ich mir sicher, die folgende Begebenheit nie öffentlich verbreitet: zu unwichtig, weil politisch irrelevant.
Vielleicht aber hat Loki Schmidt ihrem Helmut auch nie darüber berichtet, wie sie den Abend des 26. Januar 1985 verbracht hat. Ich habe die amüsante Episode bislang nur im privaten Kreis erzählt, aber jetzt, wo Herr und Frau Schmidt ihre letzte Ruhe gefunden haben, erlaube ich mir, Euch am Geschehen teilhaben zu lassen.


Am Mittag jenes Tages rief mich der Kaufmännische Direktor des Hamburger Thalia Theaters an. Wir kannten uns kaum, waren mal bei irgendeinem offiziellen Anlass miteinander bekannt gemacht worden. Er müsse „mit äußerster Diskretion eine delikate Aufgabe lösen“, so etwa formulierte er, und ich könne ihm dabei helfen.

Am Abend stand nämlich die Premiere von Shakespeares „Was ihr wollt“ auf dem Theaterprogramm. Die Schmidts hatten ihr Erscheinen zugesagt. Zwei Plätze – natürlich Parkett 1. Reihe Mitte – waren bereits reserviert. Inzwischen aber hatte sich Herr Schmidt kurzfristig für ein offenbar reizvolleres Wochenendvergnügen entschieden: Statt mit Gattin den Abend bei Shakespeares großen Komödianten wie Tobias von Rülps und Andreas von Bleichenwang zu verbringen, war er mit seinen „Männerfreunden“ zu einem verlängerten Wochenende auf die Kanaren gedüst. Zu diesem illustren Kreis gehörten ein paar prominente Kulturschaffende, u.a. aus dem Dunstkreis des Schleswig-Holstein Musik Festivals. Folglich war Frau Schmidt nun, sagen wir, fehl am Platz und musste als Strohwitwe in der Doppelhaushälfte in Langenhorn auf die Mentholzigaretten des Gatten aufpassen. Oder eben alleine ins Theater gehen. Aber welcher Eindruck wäre wohl entstanden, wenn der für den prominenten Ex-Kanzler reservierte Platz leer geblieben wäre?

„Ein Mann muss her!“ lautete die Devise im Einvernehmen zwischen Frau Schmidt und der Theaterleitung. Ein Mann, gerne bedeutend jünger, aber unverdächtig genug, um keine dummen Gerüchte aufkommen zu lassen: seriös, gepflegt und gesprächstauglich. Wenn der Begriff nicht so anrüchig wäre, ein Gesellschafter. Ein Mann für gewisse Stunden, nämlich vier Stunden Shakespeare inkl. Pausengespräch und Premierenfeier. Da sei man, so der Theaterdirektor, da sei man auf mich gekommen. Zumal Frau Schmidt, was mich erstaunte, niemand zu kennen schien, der in diese Rolle hätte schlüpfen können. Kein guter Freund (zur Not auch Parteifreund), keine Bekanntschaft aus einer ihrer botanischen Bezugsgruppe, keiner der Bodyguards, die doch schon frühmorgens in gut geschnittenen Anzügen herumzulaufen pflegen, so, als wollten sie gerade zu einer Theaterpremiere aufbrechen. Offenbar kein Ersatz-Helmut weit und breit.
Ich verfügte zwar über keine Erfahrungen als Eintänzer, Gesellschafter oder gar Call Boy, erkannte aber die absolut glaubwürdige Harmlosigkeit der Situation und fand Gefallen an der Idee, einmal im Leben Helmut Schmidts Stellvertreter zu spielen. Meine Neugier siegte, und der verkuppelnde Theaterdirektor war’s zufrieden. An dieser Komödie hätte vermutlich auch der berühmte englische Theatermann seine Freude gehabt. Heißt es doch bei Shakespeare: „Die ganze Welt ist Bühne, und alle Frauen und Männer sind bloße Spieler.“

Am Abend trafen Loki und ich fast gleichzeitig und überpünktlich im Theater ein. Für unser „Blind Date“ war ein dezent gestalteter Raum in der Intendanz ausgewählt worden. Hier, so meinte der Hausherr, könnten wir uns vorm 1. Akt (womit er selbstverständlich das Theaterstück meinte) „ein wenig „beschnuppern“, was keineswegs wörtlich zu nehmen war. Ich dachte an Shakespeare: „Ein jedes Ding muss Zeit zum Reifen haben.“
Mit englischen Shakespeare-Zitaten hielt ich mich allerdings zurück, weil ich nicht sicher war, ob meine Abendbegleitung einst als Lehrerin neben Handarbeit und Biologie nicht auch noch Englisch unterrichtet hatte. Schließlich wollte ich am Ende des Tages doch ein gutes Zeugnis von ihr bekommen.
Mit einem Glas Sekt stimmte ich mich auf die folgenden Stunden ein. Frau Schmidt trank erwartungsgemäß Wasser, vermutlich aus ökologischem Anbau. Zu meinem Erstaunen schien ihr die ungewöhnliche Art unseres Rendezvous keineswegs peinlich zu sein. Wir fremdelten nicht. Vielmehr plauderten wir ganz so, als würden wir uns schon ein Weilchen kennen.
Dabei versuchte sie gar nicht erst, mich missionarisch für ihren Kampf um bedrohte Pflanzenarten zu gewinnen, z.B. für den palmblättrige Nieswurz oder (was mir, dem so viel Jüngeren, durchaus ein wenig geschmeichelt hätte) für das Frühlings-Adonisröschen.
Auch ich lenkte unser Gespräch ganz bewusst nicht etwa auf das Thema „Fußball“ oder gar den damals noch nicht unbedingt magischen FC St. Pauli, zu dessen Vorstellungen zu jener Zeit kaum mehr Zuschauer zu kommen pflegten, als zu den Theateraufführungen im Thalia. Und Fußball war damals außerdem noch absolut Männersache!  
Bald schon klingelte die Theaterglocke zum ersten Mal, und wir wollten uns auf unseren gemeinsamen Weg ins Parkett begeben. Doch der Direktor bat um Geduld. Es gezieme sich für uns, erst ein Weilchen nach dem dritten und letzten Klingeln zu erscheinen.

Alles Weitere ist schnell erzählt. Unter den Augen eines aufmerksamen Publikums zelebrierten Frau Schmidt und ich unseren kurzen Premierenauftritt. Anschließend teilten wir uns die Freude an einer hinreißend-spritzigen Aufführung, teilten uns allerdings nicht die mir vergeblich angebotenen scharfen Mentholbonbons (für sie offenbar Zigarettenersatz). Small Talk wieder in der Pause. Frau Schmidt traf Bekannte und stellte mich vor, natürlich ohne Hinweis auf die spezielle Art unserer Beziehung. Nach der Vorstellung machten wir noch einen Abstecher zur Premierenfeier, bevor sich meine Begleiterin verabschiedete. Ich führte sie hinunter auf die Straße und rief, noch von Shakespeare inspiriert: „Ein Pferd, ein Pferd, mein Königreich für ein Pferd.“ Es kam aber nur Frau Schmidts Taxifahrer.

Diese Geschichte leidet ein wenig darunter, dass ich jetzt keine spektakuläre Schlusspointe anbieten kann. Oder vielleicht doch?
Als ich nämlich ein paar Tage später meine Bank betrat, um etwas Geld vom spärlich gefüllten Konto abzuheben, schoss die Filialleiterin auf mich zu. „Ich war bei der Premiere im Thalia Theater und saß oben im 2. Rang: Kann es sein, dass ich Sie in Begleitung von Loki Schmidt, unserer Kanzlergattin, entdeckt habe.“ Ihre Augen hatten sich vor Erregung erschreckend geweitet.
„Ja, aber Frau Schmidt hat nicht mich begleitet, sondern ich habe sie begleitet,“ erwiderte ich, so, als käme das öfter vor, „Sie haben richtig gesehen: Frau Schmidt und ich waren im Theater.“
Hätte ich doch in diesem Moment einen Kredit benötigt!