Auf einem meiner Spaziergänge auf dem Hamburger Ohlsdorfer Friedhof, laut PR-Abteilung der Verwaltung der größte Parkfriedhof der Welt, fiel mein Blick auf ein Buch. Jemand hatte es auf einer Parkbank liegen gelassen, entweder vergessen oder um nachfolgenden Bankdrückern die Zeit mit einer Lektüre angenehm zu gestalten. An diesem Ort musste ich natürlich auch an Eiferer denken, christliche Fundamentalisten, die sogar noch in ihrer Abwesenheit versuchen, andere Menschen dadurch zu missionieren, dass sie ihnen anonym religiöse Werke, ggfs. auch sektiererische Machwerke als Hinterlassenschaft aufdrängen. So genannte Erbauungsliteratur mit leicht ansprechenden Titeln. Wäre ich Autor solch‘ frömmelnder Schundliteratur, würde ich reißerische Titel erfinden. »Die geheimen Sehnsüchte der Maria Magdalena« oder „Keiner küsst so heiß wie Judas“ oder „Leben und lieben in Abrahams Schoß“ oder für die ganz Kleinen »Das ganz große Bibel-Wimmelbuch« und für die Ängstlichen und Verzagten Titel wie „In der Arche Noah ist noch Platz für uns alle“.


Zu meinem Erstaunen sah ich im gleißenden Sonnenlicht auf dem Umschlag des ziemlich abgegriffenen Schmökers den fetten Titel: »Unter anderen Umständen«. Ha, dachte ich, dieses Buch kommt mir gerade recht! War ich doch nur wenige Tage vorher Opfer einer Offenbarung geworden, zwar nicht vergleichbar mit der biblischen Offenbarung des Johannes, aber immerhin. Ganz profan hatte mir nämlich meine gute Freundin Liefka, eine wunderbar amüsante Autorin, mit der ich gelegentlich das Publikum auf Lesetouren belästige, am Telefon ein Geheimnis anvertraut. Sie sei schwanger.
Das hätte ich allerdings bei der nächsten persönlichen Begegnung selbst dann entdeckt, wenn sie mir ihr süßes Geheimnis verschwiegen hätte. Frauen, die selbstironisch gerne Anspielungen auf ihre Rubens-Figur machen, und, wie Liefka, damit auch noch literarisch hausieren gehen, unterschätzen die Sensibilität von uns Männern. Wir sind nämlich durchaus in der Lage, unterscheiden können, ob Schweinebraten, Schwarzwälder Kirschtorten und Kartoffelchips die Ursache für weitere Rundungen sind, oder ob da ein Mann mehr als nur seine Hände im Spiel hatte.
Werdende Väter glauben sich ja fein raus, weil sie keine Umstandskleider benötigen und nicht wechselweiser von Übelkeit und Heißhunger auf saure Gurken heimgesucht werden. So dachte ich, aber nur im allerersten Moment.
Dann erinnerte ich mich daran gelesen zu haben, dass auch ein Mann, der glaubt, der Vater zu sein, unter solchen Beschwerden leiden kann. Also selbst dann, wenn er gar nicht der Vater ist.
Das Maß an Solidarität geht manchmal sogar so weit, dass auch der Bauch des Mannes dicker wird (was bei manchen Männern allerdings kaum noch möglich ist) und Heißhunger- sowie Kopfschmerzattacken zur Partnersache werden.

Inzwischen hatte ich mich auf die Bank gesetzt und abwechselnd in die Sonne und auf den Buchtitel geblinzelt. „Unter anderen Umstände“.
Umstände sind, wie wir wissen, gegeben, manchmal vorhersehbar, oft unerwartet. Wir machen Umstände und entschuldigen uns dafür. Und wenn die Sache justitiabel wird, kann das Gericht, sofern die Umstände es erlauben, auch von mildernden Umständen sprechen. Was trifft davon auf werdende Mütter zu? Hat Liefka mildernde Umstände verdient? Oder Magnum, ihr bereits mehrfach literarisch verwursteter Mitbewohner und Ehemann, der doch (vermutlich) der Vater sein dürfte? Benötigen wir bei der nächsten gemeinsamen Lesung unbedingt eine Hebamme im Publikum, vorsichtshalber, umständehalber. Muss Liefka, weil Schwangere eine gewisse Rücksichtnahme erwarten, sich für diese Umstände, die sie neun Monate lang macht, etwa auch entschuldigen?  
Nein, Liefka befindet sich in anderen Umständen, so wie der Titel des Buches. Vorhersehbaren und obendrein glücklichen, aber doch anderen.

Auf der Friedhofsbank googelte ich im Geiste den Begriff „Andere Umstände“ und stieß in meiner Erinnerung auf einen Film mit dem Titel „Andere Umstände – ein Baby und drei Väter“. Hat Liefka das etwa auch geschafft, fragte ich mich: drei Väter?! Ist sowas biologisch überhaupt möglich? Und wer sind die beiden anderen? Ich erlaubte mir noch einen winzig kurzen Gedanken an Umstandskleider, den ich deswegen aber schnell wieder verwarf, weil Liefka diese Mode schon immer bevorzugte.

Dieses Buch auf der Parkbank: Sollte ich es einfach einstecken und mitnehmen, um Liefka damit ein bisschen Lebenshilfe zu geben? Es sah allerdings ziemlich dreckig aus, so, als hätten bereits tausend schwangere Frauen neun Monate lang darin geblättert. Aber was, wenn vielleicht eine werdende Mutter das Buch hier versehentlich liegen gelassen hat und bald zurück kommt auf der verzweifelten Suche? Bin ich dann schuld an allem Unbill, das diese schlecht informierte und unvorbereitete schwangere Frau erleiden würde? Wie soll sie denn wissen, dass Nüsse und Ingwerkekse morgens auf nüchternen Magen gegen Übelkeit helfen? (Ingwerkekse, frühmorgens! Mein Gott, wie gut, dass ich nicht schwanger werden kann, obgleich ich es doch oft genug versucht habe!)
Wird die Eigentümerin des verlorenen Buches dann rauchen und alkoholische Getränke in sich reinkippen in purer Unkenntnis der verpassten Gebote der Vernunft aus diesem sicher tollen Ratgeber für werdende Mütter? Manche Frauen sind ja so blöde.
Herrenwitze (zu den ich mich natürlich nie herablasse) fragen z.B. danach, in welchen Ausnahmezuständen eine Blondine nicht nur eine einzige Gehirnzelle hat, sondern sogar zwei. Die Antwort kennt Ihr alle: Nur wenn sie schwanger ist! Aber schwangere Blondinen: - lesen die Bücher, können die überhaupt lesen? Zum Glück, so dachte ich, hat Liefka schwarze Haare.

Liefka könnte vielleicht sogar bei der Lektüre dieses Buches erfahren, wie groß ihr Kind bei der Geburt voraussichtlich sein wird. Für den, der sie nicht kennt: Mutter 1,83, der Vater, den sie ja nicht umsonst „Magnum“ nennt, sogar 2,03 m. Man ahnt, was dabei herauskommt. Da brauchen die Eltern fürs Neugeborene keinen Kinderwagen, sondern gleich einen Leiterwagen.

Meine Augen starrten noch immer auf dieses verdammte Buch. Soll ich, soll ich nicht? Ich schaute die lange Friedhofsallee hinunter: Keine schwangere Frau in Sicht auf der verzweifelten Suche nach der verlorenen Schwarte.

Und dann nach all diesen Gedankenspielen das Finale. Endlich nehme ich das Buch in die Hand. Ob jemals eine Männerhand diese versifften Seiten berührt hat? Selbst für werdende Väter ist eine Schwangerschaft doch oft genug alleine Frauensache. Ich blättere ein wenig darin: 188 Seiten. Muss ich die jetzt alle lesen? Ich mache das, was ich allzu oft mit Büchern mache: Ich beschränke mich auf den praktischen Klappentext:

„‘Unter anderen Umständen‘, die spektakuläre und tragische Geschichte eines Mannes, eines gewissen Joseph K.  Aufgewachsen in miesen Verhältnissen. Schulabbrecher. Chancenlos. Von Akne gezeichnet. Ungeliebt. Zunächst  Kleinkrimineller. Vorstrafen ohne  Resozialisierungsversuche. Neue Straftaten, immer wieder Knast. Dann Bankräuber und Tresorknacker, gefürchtet, aber endlich finanziell erfolgreich und darum plötzlich begehrt. Am Ende wird dieser Joseph K. zum Mörder seiner schwangeren Geliebten, nicht einer, sondern mehrerer.“
Das Fazit dieser Biografie: Unter anderen Umständen wäre Joseph K. statt Bankräuber vermutlich Bankdirektor geworden.
Die grausamen Details seiner blutrünstigen Verbrechen erzähle ich jetzt lieber nicht, erstens weil ich ja nur den Klappentext gelesen habe und zweitens mit Rücksicht auf die schwangere Freundin. Aber vielleicht später mal,