Gestern erzählte ich einem waschechten Sachsen von unserer St. Pauli-Lesung in der „Mathilde“. „Häää, uff a Gleingunstbiene?“ meinte er. Und ich dachte natürlich sofort an meinen letzten Urlaub auf dem Bauernhof. Beim Frühstück gab’s Bienenhonig, einen Fingerhut voll nur, und ich sagte stirnrunzelnd zum Bauern: „Ach, eine Biene halten Sie sich also auch!“
Genau in diesem Moment ereilte mich per Smartphone die Nachricht der Pressestelle des FC St. Pauli: Wir bieten zwei Bienenvölkern im Millerntorstadion Unterschlupf. Keine Leistung ohne Gegenleistung: Die fleißigen Bienen sollen Honig erzeugen. UFA Sports wird auch den vermarkten. Der Markenname: „Ewald Bienenhonig“. Kein Aprilscherz wie vor ein paar Tagen das Maskottchen Zecki, obgleich eigentlich noch ein wenig unwahrscheinlicher.
Völker hört die Signale: Bienenvölker am Millerntor! Aber nein, nicht die beliebte Biene Maja, sondern die Biene Paula wird unsere Trikots verzieren, wofür es hieb- und hoffentlich auch stichfeste Argumente gibt. Bienenfleißig werden wir St. Paulianer auch diesen Schutzbedürftigen, diesen Flüchtlingen aus einem nicht gerade immergrünen Stadtteil, den verfolgten Ökosystemdienstleistern in der uns eigenen sozialen und ökologischen Verantwortung das kurze Leben so angenehm wie möglich machen. Auf unseren Transparenten werden wir sie begrüßen: „Honeybees welcome!“, heißt es in der Südkurve.


Vorsicht jedoch bitte beim Umgang mit dem Honig! Der braucht, so verrät das Lexikon, eine „trockene und geruchsneutrale“ Umgebung. Geruchsneutral, … also bitte nicht in unserer Mannschaftskabine! Aber immerhin: Statt des hässlichen Neonlichts verbreiten dort demnächst echte Bienenwachskerzen eine heimelige Atmosphäre. „Gelée Royale“, das den Bienenköniginnen vorbehaltene Genuss- und Wachstumsmittel, das Drüsensekret der Arbeiterinnen, wird unser ganz legales Aufputschmittel, serviert im Dopingkontrollraum und sanktioniert von der Fifa.
Die Fifa ist  - laut ihrer Homepage  - angetreten, für die ganze Welt „eine bessere Zukunft zu gestalten“. So wie die Hells Angels, nur mit Fußball. Für die Fifa-Granden gilt ja seit jeher die alte Bienenweisheit, wonach alle Menschen bestechlich sind.

Wie geht’s nun weiter: „Under Armour“, unser zukünftiger Ausrüster, werkelt bereits an neuen Trikots: nicht mehr braun-weiß, sondern braun-gelb. „Under Armour“ heißt auf Deutsch: „Unter der Rüstung“. Das passt zu unserer neuen Bienenphilosophie, zum gepanzerten Rücken. Obgleich: Wer wie eine Biene aussieht, ist ja noch lange kein Tiger. Darum wird unseren Spielern ab sofort Mudammad Alis alte Weisheit eingebläut: „Fliegen wie ein Schmetterling, stechen wie eine Biene!“  

Auch wir Fans werden davon profitieren: Astra wird ein klassisches Honigbier brauen. Für Weintrinker serviert man am Millerntor altgermanischen Honigwein, als Met bekannt, als Trank der Götter. Im Ballsaal wird dazu natürlich Bienenstich serviert. Unsere Ultras auf der Südtribüne beenden ihre mantra-artige Wiederholung sinnentleerter Textzeilen, nein, sie singen nicht länger, sondern… sie summen nur noch.
Auch unser Aktionsbündnis gegen Sexismus und Homophobie ist zufrieden, gilt das Zusammenleben von Bienen laut Wikipedia doch als „hochsoziale Gemeinschaftsform“. Vielmehr noch: Bienenmännchen, also die Drohnen, bilden, so sagen Biologen, in jedem Frühjahr Schlafgemeinschaften. Da geht’s hoch her, da wackelt die Wabe und wird zum heißen Darkroom! Und wir dürfen als Spanner dabei sein! Denn unsere neuen Kiezhelden werden uns per Webcam ganz nahe gebracht. Sky war gestern, Reality-TV ist unsere Zukunft. Auch das berühmte Zitat aus Shakespeares Hamlet verstehen wir jetzt: „To be(e) or not to be(e)“.

Unsere medizinische Abteilung kann aufgelöst werden. Verletzungspausen gehören der Vergangenheit an. Honig gilt nämlich in der Heilkunde als entzündungshemmend. Und Knochenbrüche? Kein Problem mehr, ganz ohne OP oder Gips! Wir finden das Rezept in der traditionellen chinesischen Medizin, dem „Bencao Gangmu“, dem großen Medizinbuch: Gegen gebrochene Knochen wird eine in Honig einlegte Mumie empfohlen. Den Honig haben wir bald, über die Beschaffung der Mumien denkt Oke Göttlich bereits nach! In den Katakomben unseres Stadions findet sich vielleicht ein eingemachter Königstransfer. Die Suche wird kein Honigschlecken!

Und Ewald Lienen, unsere Bienenkönigin? (Sorry für die weibliche Form, aber „Bienenkönig“ wäre im wahrsten Sinne des Wortes „abartig“, weil in der Natur nicht existent.) Ewald Lienen also wird unsere Jungs vor Heimspielen mit einem kernigen Spruch motivieren: “Richtige Männer essen keinen Honig. Sie kauen Bienen!“