Ich kenne Max. Ihr kennt Max auch. Davon gibt es nämlich viele. Sie heißen bloß nicht alle Max, aber so ähnlich. Max ist Fußball-Fan: FC St. Pauli von 1910. Wäre auch Max von 1910, wäre er bestimmt schon Mitglied geworden, noch bevor die Hebamme die Nabelschnur trennen konnte. Natürlich mit Dauerkarte. Die gab es damals zwar noch nicht, aber für ihn hätte man sie bestimmt schon vor über 100 Jahren erfunden. Lebensdauerkarte Gegengerade. Max ist aber erst knapp über 50. Dauerkarte Ehrensache. Gegengerade. Old School.

Unsere Stadionordnung ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen, z.B.
§ 6, Abs. 2a: „Verboten ist den Besuchern: Parolen zu rufen, die nach Art oder Inhalt geeignet sind, Dritte aufgrund ihrer/ihres Hautfarbe, Religion, Geschlechts oder sexuellen Orientierung zu diffamieren:“

Ja, in seinen ersten Jahren am Millerntor, noch vorm Stimmbruch, schrie Mäxchen schon mal mit piepsigem Organ „Alte Schwuchtel!“, wenn der Schiedsrichter ein klares Foul unserer Abwehr mit einem Freistoß für den Gegner geahndet hatte, ein Foulspiel, das in Max‘ Augen natürlich keins war, keins sein konnte, keins sein durfte, weil die Blutgrätsche doch von einem seiner Jungs verübt worden war. Und wenn Bibiana Steinhaus, die erste Schiedsrichterin im deutschen Profifußball, vor wenigen Jahren mal einem klaren Abseitstor der Braun-Weißen die Anerkennung verweigerte, dann war Max noch so aufgebracht, dass er frauenfeindliche Beleidigungen brüllte, die zwar im ganzen Block hörbar waren, aber leider so derbe, dass ich es nicht wagen möchte, sie hier zu wiederholen.

Aber auch Max ist älter geworden, reifer und geprägt von jener sozialen Verantwortung, die dem FC St. Pauli wichtiger ist, als alle Deutschen Meisterschaften, …wenn wir denn je sowas gewonnen hätten. Ich sage ja immer: „Ein Verein muss sich seine Fans auch ein wenig erziehen!“ Siehe Hansa Rostock. Die haben das auch so gemacht. Nur in die verkehrte Richtung.

Inzwischen unterstützt Max, der Mann mit dem Jolly Roger im Herzen,  das „Aktionsbündnis Homophobie und Sexismus Sankt Pauli“. Gelegentlich ist ihm sogar schon mal der Gedanke kommen, im nächsten Leben (sofern es sowas gibt) einen Mann zu heiraten statt seine Brigitte, vielleicht einen Fußballspieler, Lebensdauerkarte inklusive. An allen sozialen Projekten seines FC St. Pauli ist Max beteiligt. Er spendet für die Kiezhelden. Zuhause kommt nur Wasser von „Viva con agua“ auf den Tisch. Fast könnte man glauben, das käme bei ihm sogar aus der Wasserleitung.
Max hat nicht das, was man einen schlanken Astralkörper nennt, sondern eher den berüchtigten, deutlich gewölbten Astra-Körper. Auch die Brauerei muss Max dankbar sein, ist er doch für jeden guten Jahresumsatz mitverantwortlich. Max: der Musterfan. Es fehlt nicht viel, und er würde inzwischen, wenn sie ihm denn mal persönlich begegnen würde, Bibiana Steinhaus mit einem formvollendeten Handkuss begrüßen, ein Kavalier alter Schule. Old School eben.
Trotz aller aufregenden Momente im Stadion, die ein erhöhtes Infarktrisiko mit sich bringen, ist sein Hausarzt mit Max ganz zufrieden. Er wundert sich nur darüber, dass Max‘ Leukozyten, also seine weißen Blutkörperchen, nicht von den üblichen roten Blutkörperchen begleitet werden, sondern von braunen.

Dennoch liegt ein schwarzer Schatten über Max‘ sonst doch geradezu mustergültigem Lebensweg.
Drei Kinder hat ihm Brigitte beschert, allesamt Söhne. Zwei begleiten ihn regelmäßig ans Millerntor. Nur zwei. Womit wir beim größten, jemals erlittenen Schicksalsschlag wären: Max‘ Super-GAU. Pascal, der Jüngste, hat nicht braune und weiße Blutkörperchen, sondern rote und weiße, gelegentlich sogar blaues Blut. Keine runden Blutstropfen, sondern rautenförmig. Max hat ein schlechtes Gewissen. Was ist da  falsch gelaufen mit seiner Erziehung? Oder waren bei der Zeugung des dritten Kindes etwa die Zutaten nicht mehr so gut?

Seitdem Max vor ein paar Jahren Opa geworden ist, will er es besser machen. Ein Mann wie er macht nicht zweimal denselben Fehler! Irritiert hat ihn zunächst zwar, dass es ein Mädchen wurde, hatte er doch gehofft, einst seinen Enkel im braun-weißen Trikot in einer Erstliga-mannschaft seines FC St. Pauli erleben zu dürfen, Meisterschaftsfeiern inklusive, nicht einmal, sondern jährlich, wie die Bayern.
Dennoch war Max bei der Geburt der Enkelin diesmal schneller als die Hebamme. Emma wurde vorsichtshalber bereits einen Tag, bevor sie auf die braun-weiße Welt kam, als neustes Vereinsmitglied angemeldet. Der Großvater hatte sich nämlich - gerade noch rechtzeitig - an Theo Zwanziger, den ehemaligen DFB-Präsidenten, erinnert, der dem Frauenfußball so zugetan war, dass er eines Tages beim Pokalfinale (nachmittags die Frauen, abends die Männer) bereits nach dem Frauenendspiel das Berliner Olympiastadion verlassen wollte, weil er die Männer gar nicht mehr auf der Rechnung hatte.

Kürzlich hatte Emma ihr erstes Spiel in der Krabbelgruppe, bei den Bambinis. Das sind die ganz Kleinen, so klein, dass die Grashalme höher sind als die Knöchel und die Trikots, die bis über die Kniee reichen. Wenn diese Knirpse mal minutenlang nicht angespielt werden, dann lenken sie sich ab, indem sie z.B. Gänseblümchen pflücken.
In jeder Halbzeit, die nur 20 Minuten dauert, muss mindestens ein Kind pinkeln. Bei Gegentoren tropft es dagegen von oben: salzige Tränen.
Genau dann treten Eltern oder Großeltern in Aktion. Unerschrockene Kämpfer für Gerechtigkeit. Das unerbittliche Begleitgeschwader. Was aufgeheizte, ja, hysterische Verwandte regelmäßig veranstalten, ist ein Feldzug im wahrsten Sinne des Wortes. Sie stürmen nämlich das Feld.

Auftritt Max, und Brigitte sekundiert ihm. Gerade ist nämlich das Tor zum 0:1 gefallen. Opa Max nimmt seine flennende Emma auf den Arm. Emotionaler Ausnahmezustand. „Abseits!“ brüllt er. „Meterweise abseits!“ Am Anstoßkreis, mitten auf dem Spielfeld, stellt er den jungen Schiedsrichter zur Rede: „Hast Du Pfeife 5 Sekunden Zeit? Dann erzähl‘ mir doch bitte mal alles, was Du über Fußball weißt“, fordert er den Referee auf. „Was war das eben?“ fragt der Pfeifenmann zurück, und Max wird noch lauter: „Ha, taub bist Du also auch noch, nicht nur blind!“

Fazit: ein heutzutage ganz „normaler“ Dialog auf dem Kleinfeld. Wäre da nicht diese finale Ohrfeige gewesen. Mehr schon ein K.o.-Schlag. Der Schieri liegt mit einer Gehirnerschütterung am Boden. Spielabbruch!  Diese Schlacht hat Max verloren. Eine Art Stalingrad für ihn. Stadionverbot für den Musterfan. Und zwar nicht nur auf den Nebenplätzen! Wegen eines Tors, das übrigens kein Abseitstor warf, weil für Spiele dieser Altersklasse die Abseitsregel gar nicht gilt. Was Max leider nicht wusste. Nun steht er im Abseits.

In England gibt es inzwischen Benimmkurse für die so genannten „Pushy Parents“, für diese penetrant-aggressiven Eltern oder Großeltern. Der DFB hat diese "Helikopter-Eltern", wie Psychologen Angehörige nennen, die Kinder ungehemmt motivieren und siegen sehen möchten, kürzlich in Schockstarre versetzt . Die Anwälte ihrer Kinder und Kindeskinder, die sich wie Gotteskrieger ins Getümmel werfen, müssen zukünftig mindestens 15 m Abstand zum Spielgeschehen halten. 15 m, für manche vermutlich nur ein etwas längerer Anlauf. Außerdem soll in der neuen „Fair-Play-Liga“ auf den Einsatz von Schiedsrichtern verzichtet werden. Das liebste Feindbild, es ist weg! Jetzt entscheiden die Zwerge in einem demokratischen Mehrheitsprozess auf dem Platz selbst, wer Einwurf hat und ob die Sense in die kurzen Beinchen des Gegners strafstoßwürdig ist. Auch werden Spielergebnisse nicht mehr veröffentlicht, um den Kleinen den Druck zu nehmen (womit in diesem Fall nicht der Druck auf die Blase gemeint ist, die in der Bambiniklasse gelegentlich auch während des Spiels auf dem Platz geleert wird).

Max wird sich nach Ablauf seines Stadionverbots umgewöhnen müssen.  Für sein bis dahin vielleicht ein wenig geschwächtes Herz nicht mal die schlechteste Lösung für Max Musterfan.