Einige furchtbar patriotische Bewahrer des Abendlandes kritisieren, dass laut der Veröffentlichung der in ihren Kreisen verhassten „gleichgeschalteten Systemmedien“ das Wort  „Lügenpresse“ in dieser Woche zum „Unwort des Jahres 2014“ gewählt wurde. Und, wie die erbitterte Diskussion zeigt, ist sogar zu befürchten, dass „Lügenpresse“ 2015 seinen Titel verteidigen kann. So wie Klitschko, der zumindest gefühlt schon seit 1945 seinen WM-Gürtel Jahr für Jahr verteidigt, was ja auch nicht so schwer ist, weil es gleich zwei Klitschkos gibt, den echten und den geklonten, - ein schrecklicher Verdacht, den die berüchtigte Lügenpresse uns natürlich vorenthält.


Eine jüngst veröffentlichte Studie zeigt, dass sich die Verwendung des Unworts „Lügenpresse“ vor allem in Zeiten häufte, in denen es völkische und nationalistische Strömungen in Deutschland gab. So wie in der Folge des 1. Weltkriegs, als es mit unserer Monarchie zu Ende war und „Willem zwo“ auf die Idee kam, mit Holzhacken im holländischen Exil seinem verkorksten Kaiserleben einen neuen Sinn zu geben. Zur geistigen Erbauung hätte er stattdessen natürlich besser Zeitung lesen können, aber in seinen kaiserlichen Augen gab’s ja nur…, Ihr wisst schon, die „Lügenpresse“.
Später bescherten uns die Nazis die Renaissance dieses Schimpfworts. Es diente im propagandistischen Trommelfeuer der Denunziation ihrer Kritiker. Motto des Hetzorgans „Der Stürmer“: „Die Juden sind unser Unglück!“ Und jetzt also, anno 2015, lautet, leicht modifiziert, in diesen Kreisen die Parole: „Der Islam ist unser Unglück!“  Der Begriff „Lügenpresse“ wird in dieser Tradition stehend heutzutage geradezu zu einem Qualitätssiegel.

Zugegeben: Ich habe die Information über das Unwort des Jahres aus jener Presse, der ich doch angeblich nichts glauben darf. Wenn es denn nur das Revolverblatt mit den vier Buchstaben gewesen wäre, dann hätte ich ja tatsächlich an eine Zeitungsente geglaubt. In der Hinsicht hat das Zentralorgan des deutschen Kleinbürgertums wirklich Expertise. Morgens die Bildzeitung, mittags die Gala, und wem von der Lektüre schlecht werden sollte, der findet abends Ratschläge gegen Übelkeit in seiner Apothekenrundschau, der Bild-Zeitung der Ü-60-Generation, also meiner. Außerdem vielleicht noch ein paar reißerische Schlagzeilen: „Mallorca soll deutsch werden!”, so hieß es vor ein paar Jahren. „Lotto-Zahlen immer blöder”, oder im Sommer: „Diese Affenhitze – Werden wir jetzt alle Afrikaner?”
Oder: „Sieg gegen die Türkei: Glückwünsch züm Hülbfünüle“, und schließlich: „Erste Moschee in Ost-Berlin eröffnet - Allah wohnt jetzt in Pankow“.

Ausgerechnet die Bild-Zeitung erschien aber kürzlich mit der Schlagzeile „Nein zu Pegida!“. Das kommt mir so vor, als würde sich eine Schwangere mit Edding auf den Bauch schreiben: „Nein zu meinem Kind!“ Und in dieser Woche folgte die Überschrift: „Bild entlarvt Frau Pegida!“ Gemeint war Katrin Oertel, dieser Fleisch gewordene Blondinenwitz, eine Mischung aus Daniela Katzenberger und dem späten Michael Jackson. Folglich zählt Pegida nun auch „Bild“, den Lieferanten des ungeistigen Unterbaus der neuen, so genannten „Bewegung“, zur Lügenpresse. Fehlt nur noch, dass Bild Pegida verklagt in Sachen Urheberrecht. Aber schon bald wird sich der Spruch „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich!“ auch in diesem Falle bewahrheiten.  
Pegida hat sich vor allem aber den seriösen Journalismus vorgeknöpft und mit dem Titel „Lügenpresse“ geradezu geadelt. Aus dem Mund solcher Gestalten ist das ein Qualitätssiegel!

Manche Zeitgenossen zeigen sich von der Entwicklung der letzten Monate überrascht, so, als hätte es einen unerwarteten politischen Tsunami gegeben. Und mancher wundert sich, dass bis heute kein Roland Pofalla, Merkels Ex-Minster und inzwischen  "Generalbevollmächtigter für politische und internationale Beziehungen" der Deutschen Bahn, aus seinem Schlafwagen ausstieg und Pegida definitiv für beendet erklärte, so wie einst die NSA-Affäre. Wie sollte er auch? Es ist doch alles wie immer hierzulande.

Schon 1991 brüsteten sich nämlich nach rechten Ausschreitungen in Hoyerswerder die ortsansässigen Propagandisten der Fremdenfeindlichkeit damit, die Stadt werde dank ihrer Initiative bald „ausländerfrei“ sein. Zuvor hatten sie Steine und Molotowcocktails auf Asylbewerberheime geworden und Hilfe suchende Mitmenschen verprügelt. Die Täter können den zweifelhaften Rum für sich in Anspruch nehmen, damit das erste „Unwort des Jahres“ kreiert zu haben: ausländerfrei. Knapp unterlegen war damals übrigens Edmund Stoiber, jener Politiker, der doch normalerweise eher mit brillanten Versprechern und vielen „Ähs“ dem öffentlich-rechtlichen Unterhaltungsauftrag folgsam nachkam, bis er dann aber über unsere „durchmischte und durchrasste Gesellschaft“ schwadronierte, bevor er sich stotternd entschuldigen musste

Selbst unsere Kanzlerin schaffte es 2009 auf Platz 1 der Hitparade der sprachlichen Fehlgriffe, als sie eine bessere „Flüchtlingsbekämpfung“ in Aussicht stellte, ein Tiefpunkt in ihrer Lebensgeschichte, an den sich die gewandte (und inzwischen auch mehrfach gewendete) Merkel heute nur noch ungern erinnern dürfte.

Vor ein paar Tagen hatte ich eine Lesung in Lüneburg und habe dort die Gründung eines Pegida-Ablegers angeregt, der dann logischerweise „Lügida“ heißen würde. Aber inzwischen wurde ausgerechnet im winterlichen Dresden, der neuen Hauptstadt der Bewegung, ein ironischer Pegida-Gegenpol gegründet, der im Netz immer mehr Zulauf findet: „Schneegida“. Im Schneegida-Manifest heißt es: „Am Anfang sind's nur ein paar Flocken. Das geht ja noch. Aber irgendwann erkennst du dein eigenes Land nicht mehr wieder!“ Das muss man ja mal sagen dürfen!

Vor allem Kabarettisten haben es gegenwärtig nicht leicht. Auf der Suche nach der Pointe bleibt ihnen mancher Witz im Halse stecken. Dabei ist „Lächeln doch die eleganteste Art, seinen Gegnern die Zähne zu zeigen“, wie Werner Fink seinen Kampf gegen den Ungeist der Nazis beschrieb.  

Dass in kritischen Zeiten subtiler Witz zur Waffe werden kann, bewiesen Demonstranten bei der Solidaritätskundgebung in Paris nach den Anschlägen der letzten Woche. Auf einem Transparent hieß es: „Ein Islamist zu sein und in einem koscheren Supermarkt zu enden. Als Islamist eine Zeitschrift zu töten und in einer Druckerei zu sterben: Wenn Gott existiert, hat er Humor.“

Bringen wir also Pegida und Konsorten mit Werner Fincks Lächeln zum Stillstand, es darf durchaus ein sehr böses Lächeln sein. Ich bin dafür! Schließlich möchte ich jene Hoffnungen nicht erfüllen, die einem sprachgewandten Sesselpupser in seinem Behördenalltag zu uns Menschen im Rentenalter eingefallen ist: „Sozialverträgliches Frühableben“, Unwort des Jahres 1998. Dann trage ich doch lieber weiterhin zur bereits zwei Jahre zuvor prämierten „Rentnerschwemme“ bei und lese mit Aufmerksamkeit und manchmal auch mit Freude meine tägliche Lügenpresse.