Das Telefon klingelt. Eine jugendlich-forsch klingende Männerstimme sagt: »Hier ist Ihr neuer Stromanbieter. Wir machen unsere Kunden-Zufriedenheits-Analyse-Jahresbefragung (ein Wort mit 42 Buchstaben!) Sind Sie bereit, etwas zu Ihrer Zufriedenheit zu sagen?«

Ich frage mich, wie mir dieser Mann – meiner von ihm offensichtlich erwünschten Antwort vorauseilend – bereits meine Zufriedenheit unterstellen kann, obgleich ich doch erst vor wenigen Tagen den Anbieter gewechselt habe.

Ich sage: »Danke der Nachfrage! Ja, mein Strom fließt.« Was ja keine Selbstverständlichkeit ist. Schließlich gibt es hartnäckige Gerüchte über Mitmenschen, die (weil Geiz doch so geil ist) den Stromanbieter wechseln wollten und zur Strafe tagelang auf jegliche Form von Elektrizität verzichten mussten. Die unrasiert durch die kalte Wohnung liefen, sonntagabends dem „Tatort“ fern bleiben mussten, und die dann – als eine Art Ersatzbefriedigung – ein schönes Buch lesen wollten und letztendlich doch daran gehindert wurden, weil sie zu ihrer Überraschung feststellen mussten, ganz altmodisch dazu das Licht einer Leselampe zu benötigen (die ich übrigens auch im Salon Hansen immer wieder vermisse).

Ich kenne auch Horrorgeschichten von Menschen, die den Vertrag für Telefon und Internet gekündigt haben. Und obgleich sie bereits einen gültigen neuen Kontrakt bei der Konkurrenz abgeschlossen hatten, wurden sie »brutalst möglich« von der Welt abgenabelt. Das Handy: mausetot, dieses Ding mit »F«, dessen Name unserer Kanzlerin nicht einfallen wollte, nicht erreichbar. Menschen ohne »F« (wie Festanschluss nämlich), ohne Handy und ohne Internet sind quasi nicht existent. Ausgestoßen aus unserer Gesellschaft, unterste Kaste, Prekariat der medialen Welt. Für alle Facebook-Freunde wie ausgelöscht, mausetot. Für sie gilt die von Seneca überlieferte Weisheit, die da lautet: »Das größte aller Übel ist, aus der Zahl der Lebenden zu scheiden, ehe man stirbt.«

Ich sehe mich angesichts des überraschenden Anrufs außer Stande, meinem Callcenter-Boy verständliche Angaben über die Qualität meines Stroms zu machen.
Allein schon, weil mein Hausstrom nach dem Wechsel des Anbieters weder sein Äußeres, noch seine Intensität verändert zu haben scheint. Aber spontan beschließe ich, meinerseits ein paar Fragen loszuwerden. Wann hat man schon mal die Gelegenheit, direkt mit jemanden zu sprechen, der an der Quelle sitzt, an der Stromquelle?
Ich erinnere mich an meinen weit zurückliegenden Physikunterricht. Ja, Ihr werdet es kaum glauben, aber als ich jung war, gab es bereits Strom, sogar elektrischen. Nein, wir benutzten auch keinen Hammer, um die Lampe wieder auszumachen, eine Vorgehensweise, die man in Schleswig Holstein einst den Bewohnern von Dithmarschen und der Insel Fehmarn böswillig unterstellte. Es gab bei uns also bereits Lichtschalter, die allerdings in den Nachkriegsjahren so veraltet und defekt waren, dass man bei jedem Ein– und Ausschalten ein nicht zu unterschätzendes Risiko einging. Das hatte auch Vorteile. Es war z.B. noch nicht nötig, zwecks Beschleunigung eines Erbfalls einen Föhn in Opas Badewasser zu werfen. Ein nasser Finger des alten Herrn beim Anknipsen der leicht manipulierten Stehlampe reichte meist schon aus.

Ich erinnere mich mit einer gewissen Genugtuung an meinen allzu früh verstorbenen Physiklehrer, der das eigentlich auch hätte wissen müssen, aber dennoch nach einem läppischen Experiment vom Schlag getroffen wurde. Wir durften uns an seinen skurril aussehenden Zuckungen ergötzen, wobei sein Finale darin bestand, dass er Muttis Pausenbrot aufs Klassenbuch kotzte. Das, was wir nur mit geringen physikalischen Kenntnissen sorgsam inszeniert hatten, war nämlich eine vom Klassensprecher höchstpersönlich verordnete Elektrokrampftherapie, wie man sie sonst nur in der Psychiatrie anwendet, um Depressionen zu behandeln. Unser Lehrer war zwar das Gegenteil von depressiv, aber wenig beliebt. Ich kann also durchaus behaupten, dass mein Physikunterricht wenigstens einmal »elektrisierend« war, ja geradezu »spannungsgeladen«.

Für mich sind physikalische Phänomene leider selten erklärbar, aber ich kann mit ihnen umgehen. Das trifft auf meinen PC und mein Smartphone ebenso zu wie aufs Auto. Ich kann zwar nicht genau erklären, warum es fährt, aber ich weiß wenigstens, was ich tun muss, damit es fährt. Reifenwechsel allerdings ausgeschlossen.

Mit meinem rudimentären Pennälerwissen nehme ich nun also den nervigen Repräsentanten meines Stromanbieters ins Kreuzverhör. Ich will ihn »grillen« auf meinem elektrischen Stuhl, jenen Mann also, der eigentlich mich ins Gespräch ziehen soll (vermutlich mit dem Hintergedanken, mir einen angeblich vorteilhaften, aber leider auch etwas teureren Tarif anzudrehen).

Ich gebe ihm eine faire Vorlage: »Wie ist es eigentlich um Ihr elektrisches Feld bestellt?« Eine, wie ich finde, berechtigte Frage, will man doch als Kunde über die Potenz seines Strompartners informiert sein.
Die perfekte Antwort könnte z.B. so lauten: »Das elektrische Feld ist ein physikalisches Feld, das durch die Coulombkraft auf elektrische Ladungen wirkt. Mathematisch ist das elektrische Feld das Vektorfeld der elektrischen Feldstärke.« … Da weiß man doch sofort, woran man ist! Würde mir mein Kundenberater diese Antwort geben, ja, dann könnte ich ihm mein Vertrauen schenken und seine Kunden-Zufriedenheits-Analyse-Jahresbefragung würde ein Happy End finden. Offenbar habe ich ihn aber auf dem falschen Fuß erwischt, besser gesagt, auf seinem negativ geladenen Pol.

Mein Callcenter-Boy beginnt nämlich zu stottern. Ich verstehe nur Wortfetzten: »neu am Markt… Expansionskurs… führendes Unternehmen… gemeinsam mit unseren Kunden auf der Überholspur fahren…«
»Aha!«, unterbreche ich ihn, »Überholspur! Sie stellen also auch Elektroautos her?« Was er sofort dementiert. Seine Stimme klingt plötzlich nicht mehr schleimig-anbiedernd, sondern messerscharf: »Nein, wir jagen nur den Strom durch gigantische Verlängerungskabel, die zu den Autos führen.« Ich bin mir in diesem Moment nicht sicher, ob er es wagt, mich zu veralbern. Auf eine billige Retourkutsche will ich jedoch verzichten, etwa auf die Frage: »Wie grün ist eigentlich Ihr Strom? Kann ja nicht weit her sein damit. Meine Steckdose ist immer noch schneeweiß! Hö-hö-hö!« Auf dieses meist von AKW-Betreibern gewohnte Niveau will ich mich dann aber doch nicht begeben.
Nur eine Frage soll er mir noch beantworten. »Wenn Sie mir ihren Strom über einen Draht zukommen lassen, dann fließt dieser Strom doch, vereinfacht gesagt, über einen anderen Draht wieder zurück und wird anschließend erneut zum Kunden geleitet. Physikbuch, 7. Klasse. Einmal erzeugt, aber mehrfach verscherbelt. Ist das nicht Betrug? Müsste dieser minderwertige Saft nicht wenigstens als »Second Hand-Strom« mit Billig-Tarif verkauft werden?«

Diese Rechnung habe ich allerdings ohne meinen Callcenter-Boy gemacht! Er beendet das Gespräch wortlos. Auch eine Form von Widerstand. Und das weiß ich auch noch aus meiner Schulzeit: »Elektrischer Widerstand ist sozusagen der ‚Gegner‘ der Spannung. Denn an jedem Widerstand fällt Spannung ab.« Verstanden?

Aber bevor Eure Spannung abfällt, habe ich noch eine Bitte: Der Letzte macht das Licht aus! Aber ohne Hammer!