© Liefka Würdemann / Rainer Wulff (Februar 2014)

Rainer: „Wir fahren fürs Leben“, so heißt ein sportlicher Benefiz-Marathon, der alle Jahre in einem Hamburger Fitness-Studio seine Opfer für sechs lange Stunden auf Fahrradmaschinen zwingt, die sich „Spinning-Bikes“ nennen. Spinning heißt so viel wie gleiten, wobei man zunächst mal ordentlich holzen muss, bevor man ins Gleiten kommt. Bei diesem karitativen Gleit-Festival werden die Protagonisten zur Belohnung auch noch zur Kasse geleitet, nachdem sie ihren Start von selbst gesuchten Sponsoren bezahlen ließen.

Liefka: Das alles für den guten Zweck und ehrenamtlich organisiert. Ein paar tausend Euro, mal für die AIDS-Hilfe, mal für Reinhold Beckmanns „Nestwerk“ oder im letzten November für den Verein „Clubkinder“. Für mich genau das Richtige. Ich, als personifiziertes Schuldgefühl, wollte schon immer mal Charity machen, in der Hoffnung, meine Seelenpein zu lindern. Vor allem in der vorweihnachtlichen Zeit komme ich praktisch nicht ohne Heulkrampf z.B. durch die Innenstadt, wenn ich all die armen Jugendlichen sehe, die wahrscheinlich wieder nicht die X-Box zu Weihnachten bekommen. Da war es gut, dass ich mein Gemüt mit Wohltätigkeit beruhigen konnte.

R.: Ja, das würde passen! Liefka und ich als Team, was den Vorteil hätte, nicht sechs, sondern nur drei Stunden strampeln zu müssen. Ich will jetzt nicht an Winston Churchills „Sport ist Mord“ erinnern. Und angesichts einer mehrstündigen Fahrradtour, bei der man wie Hamster auf ihren kleinen Rädern nicht mal einen einzigen Meter voran kommt, erübrigt es sich fast schon, an jenen legendären griechischen Läufer zu denken, der sich nach dem Sieg in der Schlacht von Marathon auf den langen Weg nach Athen machte, dort gerade noch die Botschaft „Nenikekamen!“ („Wir haben gesiegt!“) hecheln konnte, um Sekunden später tot zusammen zu brechen.

Was sagt uns das heute: 1.) Die Griechen schwächelten schon vor rund 2500 Jahren. Und 2.) Sollten auch Liefka und ich am Ende des Cycling-Marathons von den Überlebenden als Opfer beklagt werden müssen, wäre bestimmt auch uns der Ruhm über tausende von Jahren sicher. Ein belebender Gedanke, mit dem es sich gut starten ließe!

L.: Gestartet wäre ich tatsächlich gerne. Aber dann fragte mich Torsten, Gründer und Organisator von „Wir fahren fürs Leben“, ob ich zu Beginn nicht etwas vortragen möchte, – eine Art verbaler Startschuss, gemeinsam mit Rainer. Vortragen. Nie werde ich gefragt, ob ich mich vielleicht selbst körperlich und nicht nur geistig engagieren möchte. Dabei lasse ich mich, wenn es um sportliche Aktivitäten geht, wirklich auf absolut jede Challenge ein. Ich bringe vollen Körpereinsatz und lebe für die Competition. Aber gut … Je länger ich darüber nachdachte … Ich riss mich nicht wirklich darum, stundenlang auf so einem futuristischen Drahtesel herumzujuckeln. Das muss doch auch schmerzhaft sein an gewissen Körperteilen!

R.: Nun mögt Ihr uns ja schmeicheln und sagen: Liefka und Rainer (sie: jung, dynamisch, ambitioniert, er: zwar alt genug für eine Seniorensportgruppe, aber noch einigermaßen in Schuss), Liefka und Rainer also sind doch geeignete Opfer für sechs lange Stunden auf dem durchgescheuerten Allerwertesten, 3 600 endlose Minuten, 21 600 nervende Sekunden und folglich mindestens 40 000 heftige Pulsschläge.

L.: Also, in meinem Outfit hätte ich von Hintern bis Bauch eine hervorragende Figur gemacht. In dem pink-glitzer-Ganzkörper-Stretchanzug. Den hatte ich mir eigentlich für meinen Mitbewohner Magnum gekauft … Der versprüht seit einigen Jahren diesen geheimnisvollen Hauch der Fahrradbody-Erotik. Es fing an, als er sich das erste Mal zu den Cyclassics  anmeldete und glaubte, sich erst einmal adäquat ausrüsten zu müssen. Ihr wisst, wovon ich rede: Pulsgurt. Kilometerzähler. Profitrinkflasche. Thermosocken. Windjacke. Eine Radlerhose. Ein hautenger Radlerhosenanzug mit Glocken- und Po-Polsterung. Ein noch engerer Radlerhosenanzug mit verstärkter Glocken- und Po-Polsterung, in dem sein Unterleib größer als Reiner Calmunds Bauchumfang erscheint. Dazu neongelbe Radler-Schuhe, um die Brust das Pulsmessgerät, auf dem Kopf ein Helm, auf der Nase eine sagenhaft hässliche, dafür aber multifunktionale Sonnenbrille und in den Rückentaschen des Trikots mehrere Müsliriegel. So also präsentiert sich seit einigen Jahren in unregelmäßigen Abständen der Mann, dem ich die Verantwortung dafür übergeben habe, zu entscheiden, was mit mir passiert, wenn ich ins Koma falle.

R.: Danke fürs Stichwort „Koma“! Dreimal habe ich mich in den letzten Jahren schon für „Wir fahren fürs Leben“ aufgeopfert, gestrampelt bis kurz vorm Koma! Mein sensibles Gemüt hat bis heute feine Erinnerungen im Kleinhirn abgespeichert. Ich denke zurück an sauer-beißende Schweißgerüche, abgesondert von den apokrinen Drüsen meiner Mitstreiter, Ausdünstungen, die masochistisch veranlagte Mitmenschen als „Duft-Sekrete“ bezeichnen. Die kleine Arena, heiß und stickig. Nein, ich fahre nicht fürs Leben gern!

L.: Schade eigentlich, hatte ich mir doch schon einen passenden Teamnamen für uns ausgedacht: „Vom Wiegetritt zum Schwielenschritt!"

R.:  Schwielenschritt: Liefka, das passt! „Ein Radrennfahrer muss seinen Hintern besser pflegen als sein Gesicht“, sagte einst Rudi Altig, der als „die radelnde Apotheke“ in die Geschichte des Sports einging. Ich weiß allerdings nicht, ob Melkfett, Arnikabäder oder die prophylaktische Massage empfindlicher Körperregionen im Enddarmbereich mit gestoßenem Hammelhoden in Senfbutter dabei wirklich nützen.

L.: So startete dann der Cycling-Marathon rein sportlich gesehen ohne uns. Ehrlich gesagt, ging er auch physiologisch ohne mich über die Bühne, da ich körperlich meist nicht anwesend sein konnte. War ich am Anfang noch ganz begeistert, wie toll so ein Gruppensporterlebnis ist, welche Energie da entsteht, wenn sich 60 Menschen auf ihre Spinning-Räder schwingen, während sich vorne auf dem wie ein Thron auf einem Podest aufgebauten Oberboss-Rad ein gut gebauter Trainer räkelt und strampelt und in sein futuristisches Head-Set Anfeuerungsrufe brüllt. So etwas wie Popo hoch, Popo runter, immer wach, immer munter, Hintern hoch, Hintern rund, immer weiter, immer wund! begleitet von den besten Dancefloor-Klassikern der 90er. Das war wirklich eine ganz besonders animierende Atmosphäre! Kurz vor Beginn der Veranstaltung hatte ich mich einmal kurz gefragt, warum sich sonst mündige Bürger für einen guten Zweck in diese geschlechtsteilbetonten Polsterhöschen zwängten. Doch schon nach fünf Minuten der Veranstaltung war ich ein neuer Mensch und bereit, alles für einen Fahrradbody zu tun. Ich wollte um jeden Preis Teil dieser Energie sein.

R: Nachdem Liefka versucht hatte, ein schwächeres Mitglied der Gruppe – einen übergewichtigen, schon nach einer Minute im Gesicht und an den Unterarmen krebsrot gefärbten Mittfünfziger – mit einem gezielten Ellbogencheck außer Gefecht zu setzen, zog ich sie in die Umkleide, um sie mit einem zwar nicht pink-glitzernden, aber doch immerhin hautengen altrosa Fahrrad-Body zu besänftigen. Der Body passte überraschenderweise wie angegossen.

L.: Als wir zurück in den Spinningraum kamen, muffelte es, als sei er mit dem Saft von 1000 ausgequetschten Stinktieren, die stundenlang in einer Brühe aus Stinkbomben und Essig-Essenz gekocht worden waren, gebohnert worden. Mein Hirn stellte sofort jegliche Tätigkeit ein, schaltete auf Lebenserhaltung um und sorgte dafür, dass ich automatisch nur noch durch den Mund atmete. Doch die Neugier siegte, also schnupperte ich ein weiteres Mal. Der Geruch erwischte mich wie eine Atombomben-Detonation zwei Meter von mir entfernt. Hätte ich einen Hut auf dem Kopf gehabt, es hätte ihn mir weggerissen. So aber zerstörte die Geruchsdruckwelle lediglich meine Frisur, ich wurde in den Vorraum geschleudert, – wo ich ohnmächtig zusammenbrach.

R.: Nachdem ich Liefka zum Buffet geschleppt und ihr mit einer Lachsschnitte Luft zugefächelt hatte, war sie zwanzig Nasenspülungen später wieder ganz die alte. Sie hatte dummerweise jedoch die Tür des Cateringraums vorsorglich von innen abgeschlossen und den Schlüssel runtergeschluckt, damit ja niemand auf die Idee kam, mit dem Öffnen der Tür auch nur einen Hauch dieser „Sportlerwürze“ reinzulassen.

L.: Zwei Fliegen mit einer Klappe: Wir hatten frische Luft zur Verfügung und das Sportleressen für uns allein, sodass wir uns ganz nach dem Motto „Essen ohne Räder“ seelenruhig durch das Buffet rollen konnten. Dabei ließen wir es uns natürlich nicht nehmen, angemessen über die fatale Außenwirkung der fürs Leben offenbar gerne fahrenden Radler zu lästern.

R.: Durch die Glastür beobachteten wir die beiden für den Notfall engagierten Ärzte, die voller Vorfreude nur auf ihren Einsatz zu warten schienen, auf die Möglichkeit, einen Beweis ihrer Kompetenz in Sachen „Erste Hilfe“, „Reanimation“ und „Abschied vom Nahtoderlebnis“ geben zu können.

L.: „Wem von uns gehört die erste Herzattacke?“ schienen sie zu spekulieren. Die stark geschminkte Frau etwa, die so unangenehm riecht? Nein, nicht nach Schweiß, sondern nach den exklusiven Ingredienzien eines sicher teuren französischen Parfüms, das die natürlichen Körperdürfte penetrant zu übertönen suchte, jedoch daran scheitern musste und sich nur in verstörender Weise mit ihnen mischte.

R.: Oder dieser adipöse 2 ½-Zentner Koloss, transpirierendes Beispiel dafür, dass Schweiß entgegen der Behauptung der Wissenschaft keineswegs so genannte Pheromone, also Sexualduftstoffe enthält?

L.: Oder der untrainierte junge Mann dort, Typ Bettenverkäufer, der, während er nur langsam in die Pedale tritt, den virtuelle Kilometer fressenden jungen Frauen neben sich ausschmückend erzählt, er selbst nächtige auf einem Wasserbett und sei übrigens passionierter Nacktschläfer.

R.: Zum Leidwesen der Ärzte darf konstatiert werden, dass die beiden nur eine Portion Magnesium verteilen mussten, um einen Wadenkrampf zu verhindern, – zu wenig für eine kassenärztliche Abrechnung oder den Medizin-Nobelpreis. Während die weiblichen Teilnehmer am Ende des Marathons ausgiebig darüber diskutierten, ob exzessives Radeln positive Auswirkungen auf die Cellulitis hat, blieb den Männern am Ende außer Muskelkater nur die alte Weisheit übrig:

L.: Als Paul steigst du auf das Rad, als Pauline steigst du wieder ab.

R.: Übrigens: Beim Sport, so habe ich gerade in einer Studie gelesen, verbrauchen wir mehr Kalorien als beim Sex!

L.: Wir haben also die Wahl: Lieber zweimal Sex, oder einmal Sport? Auf jeden Fall fürs Leben gern!