Ich lebe auf großem Fuß. Das ist wörtlich zu nehmen. Genau genommen, lebe ich auf zwei großen Füßen, leider auf zwei unterschiedlich großen. Mein rechter Fuß ist nun mal größer als der linke. Oder umgekehrt? Ich weiß es nie. Auf alle Fälle ist es schwierig, nein, ganz und gar unmöglich, ein paar passgenaue Schuhe unterschiedlicher Größe zu kaufen. Wenn Menschen sich paaren, sind sie meist verschieden gestrickt und keineswegs auch nur annähernd baugleich. Bei Schuhen ist das anders. Ein Paar, das bedeutet: Ein Schuh für links, einer für rechts, aber sonst sind beide gleich. Darum stelle ich mir das Zusammenleben von Schuhen auch langweiliger vor, als das von uns Menschen.


Schon mit 14 Jahren hatte ich Schuhgröße 46. Meine Füße hatten keine Rücksicht darauf genommen, dass ich in Malente-Gremsmühlen wohnte. Dort gab es nämlich nur ein einziges Schuhgeschäft. Herrenschuhe endeten bei Größe 43, mit Glück 44. Etwa im Abstand von drei oder vier Jahren gelangte – vermutlich eher aus Versehen – auch mal ein Paar der Größe 45 ins Angebot. Das wurden dann meine Schuhe, denn sie waren alternativlos, wie unsere Kanzlerin sagen würde. Egal wie sie aussahen!

Zum Beispiel ochsenblutrot. Die Form von Elbkähnen. Das Leder hart wie der berüchtigte Kruppstahl. Marke Romika, Werbeslogan: Reintreten und sich wohlfühlen, was auch fürs Gesicht des Schuhverkäufers galt. Der grinste nur süffisant, wenn ich nach Schuhgröße 46 fragte. „Für Schuhe dieser Größe gibt es nicht mal Kartons“, kommentierte er meinen offenbar abwegigen Wunsch.
Die beschränkte Auswahl hatte immerhin einen Vorteil: Lange Sessions bei der Anprobe entfielen. Ihr kennt ja Witze, die mit dem Satz „Eine Frau kommt ins Schuhgeschäft“ beginnen…was dann gleichzeitig schon die Pointe ist.

Dem Martyrium meiner stets zu kleinen Schuhe folgte bald eine orthopädische Diagnose: Senk-, Spreiz- und Knickfüße. Nicht oder, sondern und, nämlich alles gleichzeitig. Der Arzt verschrieb Einlagen, in jener Zeit noch aus schwerem Metall, zu tragen in klobigen Unisex-Spezialschuhen. Meine Füße bluteten, weil die Ränder scheuerten. Schuhwerk plus Einlagen entsprachen gefühlt dem halben Körpergewicht des pubertierenden Knaben. Mit Auswirkungen auf meinen Gang. Ein unsensibler Klassenkamerad verpasste mir den Spitznamen „Schleuderfuß“, der sich im schulischen Umfeld zum Glück nicht durchsetzte, weil ich schon bald auf Einlagen verzichtete. 1958 meldete ich mich nämlich zur Tanzstunde an.

Allerdings: Auch ohne diese Fußfolter geriet mein Tanzschritt recht unharmonisch. Das hatte auch mit meiner Partnerin zu tun, die offenbar nur darauf aus war, durch kräftige Tritte auf meine großen Pedale aus meinen Knick-, Senk- und Spreizfüßen auch noch Plattfüße zu machen. Sie hieß so, wie in den späten 50er Jahren alle jungen Mädchen hießen – fast alle: Karin. Und so sah sie auch aus. Sie war unser Mauerblümchen. So wie ich. Was ihre Beinarbeit anging, war sie mir überlegen, ganz nach dem Motto: „Ein Fuß kommt selten allein“. Ich geriet ständig in die Defensive und versuchte – z.B. zum Tango-Rhythmus - diverse Abwehrstrategien. Allmählich lernte ich, meine langen Beine und großen Füße als Waffen zu nutzen. Zwei Panzerabwehrkanonen im Krieg gegen Karin.

Den Mittelball (nach Absolvierung der Hälfte der Tanzstunden) habe ich noch in schlimmster Erinnerung: Mitten in das Gemetzel ihrer Pumps gegen meine Ochsenblutroten, untermalt vom Slow-Fox „Ich tanze mit dir in den Himmel hinein, in den siebenten Himmel der Liebe“, platzte die unfassbare traurige Kunde, dass Deutschland bei der Fußball-WM in Schweden gerade im Halbfinale gegen den Gastgeber ausgeschieden war. Nicht nur die Füße von Fritz Walter und „Euch Uwe“ werden in diesem Moment geschmerzt haben, auch meine Knick, Spreiz- und Senkfüße. Vor allem aber meine Seele. Vorm finalen Gefecht, auch Abtanzball genannt, habe ich kapituliert.

In diesem Moment hätte mir nicht träumen lassen, mir irgendwann einmal ausgerechnet Tanzschuhe zu kaufen. Doch mehr als ein halbes Jahrhundert später geschah das Unerwartete.

Es stand mal wieder die Moderation einer Opern-Gala an. Mein alter Smoking mit ungewöhnlichem, nämlich oben geschlossenem Kragen (was leider ab und an zu Verwechslungen mit einem Geistlichen führte) passte mir nicht mehr, - vermutlich eingelaufen. Das Honorar ermöglichte den Kauf eines neuen. Sollte ich mir nun dazu auch die obligatorischen Lackschuhe anschaffen? Genau die tragen aber auch die Orchestermusiker. Und als Moderator möchte man sich schon ein wenig abheben vom tristen modischen Einerlei. Jedoch nicht wie ein aufgetakelter Showmaster! So wie Gottschalk im Brokat-Gehrock oder im Kaftan und mit Spitzenjabots. Aber so ein kleiner Hingucker darf es schon sein.

Es begann eine Odyssee durchs Internet auf der Suche nach Bühnen-schuhen, ein wenig extravagant, aber dennoch dezent. Es kam zu denkwürdigen Begegnungen mit unfassbaren Geschmacklosigkeiten: Weißer Lack mit roten Rüschen, da, wo normalerweise die Schnürsenkel sind. Leder in Pink mit kreisch-grünen Bommelchen. Heiße ich Liberace? Es fehlte nur noch, dass dieser aufdringliche Trash auch noch als parfümiert angepriesen worden wäre.

Und doch war meine Suche vom Erfolg gekrönt: Ich fand ihn, meinen Bühnenschuh, sogar zwei Schuhe, wieder mal gleichgroß, wie immer. Matte schwarze Kunstwerke mit glänzender Kappe und einer dezenten seitlichen Lackapplikation. Sogar bis Größe 47 erhältlich. Der Preis allerdings hätte mir zu denken geben sollen: 25,78 €.
Wenige Tage später wurde das im virtuellen Katalog als „Performance Dancing Shoe“ gepriesene Objekt meiner Begierde geliefert. Aus England, aber Made in China. Jeder Schuh nur 200 g schwer. Passte wie angegossen. Meine riesigen Füße wirkten geradezu zierlich. Nur die Absätze irritierten: ungewohnt spitz und ….6 cm hoch. Bei der Anprobe stöckelte ich durch die Wohnung wie Charley’s Tante.

Ein Flickschuster reduzierte den Absatz, der innen hohl war, auf eine (für mein Gefühl immer noch gigantische) Höhe von 4 cm, die nun meine 95 kg tragen sollten. Diese kosmetische Korrektur kostete übrigens doppelt so viel wie das ganze Paar Schuhe aus China. So gut geht es unseren deutschen Schustern!

Auftritt in der Hamburger Laeiszhalle, auf jener großen Bühne, auf der einst schon die Callas gefeiert wurde. Den weiten Weg von der Garderobe bis ins Rampenlicht wollte ich meinen so zerbrechlich wirkenden Schühchen dann doch nicht zumuten. Ich zog sie erst bei der Inspizientin an. Dort parkte ich auch meine vorsorglich mitgebrachten Reserveschuhe. Dann betrat ich  – nun plötzlich 2 m groß - nach der Ouvertüre (passenderweise Verdis „Macht des Schicksals“) schwungvoll die an diesem Abend besonders glatte Bühne, die gerade mit frischem Parkett ausgelegt worden war.

Aber nun kann ich Eure fiese Erwartungshaltung (man erkennt sie ja in Euern Gesichtern!) nicht bedienen: Wer jetzt hofft, diese Geschichte ende mit einer kleinen Katastrophe, ja, …der irrt. Weder meine Absätze brachen, noch platzte das billige dünne Kunstleder. Diese Pointe, nämlich das schrille Bild eines in Strumpfsocken über glatten Bühnenboden humpelnden Moderators, die Euch schäbige Schadenfreude auf meine Kosten beschert hätte, kann ich Euch also nicht bieten. Aber vielleicht ja beim nächsten Gala-Abend!