Ich gebe zu: Ich bin ein Gewohnheitstier. Sowas wie die Gans Martina, die einst ihr Leben unter den neugierigen Augen des Verhaltensforschers Konrad Lorenz fristen musste. Martina schlief und fraß … und schlief und fraß … und schlief und fraß. Ihr Leben lang. Was sollte sie auch sonst machen? Schließlich musste sie doch sogar die Nächte unter strenger Beobachtung im Schlafzimmer des Forschers in einer elektrisch gewärmten Wiege verbringen, statt (wie jede andere anständige Gans) in einem Stall inmitten ihrer Artgenossen.

Lorenz, auch der „Vater der Graugänse“ genannt (was nicht wörtlich, also im Sinne von Erzeuger zu verstehen ist), Lorenz also beobachtete an Martina, dass sich ihre Lebensgewohnheiten an tatsächlich (oder auch nur vermeintlich) kritischen Situationen orientierten. Um das mal auf uns Menschen zu übertragen: Nachdem wir einmal beim sorglosen Überqueren einer Straße fast unter die Räder gekommen sind, lassen wir unser Verhalten zukünftig von der Ampel lenken und stellen jedes Mal, wenn wir die andere Straßenseite heil erreicht haben, zufrieden fest: „Hurra! Ich lebe noch!“ (Außer der Autofahrer fuhr bei Rot über die Kreuzung. Aber dann ist es für uns Fußgänger meist eh zu spät, über konditioniertes Verhalten nachzudenken.)

Wenn eine solche kritische Situation also heil überstanden ist, haben wir – bewusst oder unbewusst - eine Überlebensstrategie gefunden. Und die gilt für die Ewigkeit, besser gesagt, bis zu jenem Moment, in dem die Sache in die Hose geht. Um bei der Gans zu bleiben, in den Pürzel. Spätestens wenn so eine Martina als knuspriger Gänsebraten am St. Martinstag auf dem Speisezettel steht, hat die Überlebensstrategie ja wohl versagt.
Vorher geht aber alles seinen sozialistischen Gang, und das (auch für uns Menschen) im Gänsemarsch. Immer derselbe Trott. Im Gänsemarsch zur Arbeit, Stechuhr, Maloche, Stechuhr, Mittagspause, Stechuhr, Maloche, Stechuhr, Feierabend, im Gänsemarsch aus dem Fabriktor. Zu Hause: Abendessen, Fernsehen, ein Bierchen, ein zweites Bierchen, Bett, schlafen, vorher noch schnellen Sex, aber nur dienstags und sonnabends. So leben die mustergültig konditionierten Mitmenschen, durch äußere Umstände erzwungenermaßen so geworden wie sie sind. Durch Dienstpläne, Vorschriften, Befehle. Oder freiwillig, weil’s so bequem ist.

Konrad Lorenz schrieb seine Autobiographie einst unter dem Titel „Eigentlich wollte ich Wildgans werden“. Komisch, das wollte ich nie. Oder nur ein bisschen.
Ich erklär‘ das mal an meinem Verhalten im Sportstudio. Immerhin dreimal die Woche.14:40 Uhr: Sporttasche packen. 14:45 Uhr: Abfahrt, 14:59 Uhr Ankunft im Meridian Alstertal. Schranknummer 631, eine so unrhythmische, unschöne Nummer, die sich niemand merken kann und deswegen Gewähr dafür bietet, dass der Schrank fast immer für mich frei ist.

Sechs Minuten später sitze ich auf dem Rad mit der Nummer 14. Vor mir hängen zur Ablenkung vom stereotypen 30-minütigen Strampeln – immer im Intervallrhythmus der Stufen 8 und 11 - zwei Fernseher: links ntv, rechts Eurosport. Auf ntv fletscht um diese Zeit ein gewisser Mick Knauff vom Deutschen Anlegerfernsehen seine überdimensionierten Zähne. Zur Untermauerung seiner Börsennachrichten pflegt er im 5-sec-Takt ruckartig die rechte Hand zu heben und droht mit einer Art Handkantenschlag die Kamera zu zerstören. Wenn dieses Gebiss echt sein sollte, hat der liebe Gott einst einen schlechten Tag gehabt. Wenn es die dritten sind, sage ich „Sorry, lieber Gott!“ und stelle den anonymen Dentisten an den Pranger. (Übrigens: Die Moderatorinnen von ntv sind der beste Beweis dafür, dass unsere kosmetische Chirurgie eine meist nur subjektiv wahrgenommene Verschönerung des menschlichen Körpers bewirkt.

Nach 16 Minuten wische ich mir um 15:21 Uhr mit meinem Schweißtuch erstmals über die feuchte Stirn. Bestände die Notwendigkeit dazu bereits auch nur eine Minuten früher, würde ich mir ernste Sorgen um meinen Gesundheitszustand machen.

Nach 30 Minuten steige ich klitschnass vom Rad, reinige es mit einer alkoholischen Flüssigkeit, die als Erfrischungsgetränk dummerweise weniger geeignet ist, und wähle nach dem Hinweg übers Treppenhaus den Rückweg zur Herrenumkleide über die Freitreppe. Jedesmal! Duschen, Bademantel, wieder Treppenhaus, Ruheraum. Ankunft 15,43 Uhr. Ich setze mich in einen Korbsessel, immer denselben, mit Blick durch die Glasscheiben auf den Swimmingpool. Und Ihr glaubt es nicht: Neulich war dieser Korbsessel, mein Korbsessel erstmals besetzt, okkupiert von einem dreisten Kerl. Eine Kriegserklärung! Ich musste mich zusammenreißen, um nicht gewalttätig zu werden und mein Revier zu verteidigen. Der Provokateur war zwar kleiner als ich, …aber ein aufgemotzter Bodybuilder und somit auch Argumenten kaum zugänglich.

Doch zurück zur Normalität. Ich sitze in meinem Sessel. Genau um 16 Uhr betritt jeden Tag ein Pärchen den Ruheraum, beide etwa Mitte 50. Sie scheinen im Meridian Alstertal zu wohnen, denn sie sind immer da, ich vermute ganztags. Keine Ahnung, wo sie sich nachts rumtreiben. Heimatvertriebene, Asylanten, Flüchtlinge, immerhin in einer luxuriösen Herberge.
Schon bei ihrer Ankunft besetzen sie, als machten sie Urlaub auf Mallorca, regelmäßig zwei Liegen (stets dieselben, rechts hinten unterhalb des Fensters), die sie eng zusammenrücken. Eine Art Doppelbett. Bei den Sportgeräten habe ich sie noch nie gesehen. Im Pool nur ihn, wobei er beim Schwimmen durch merkwürdige Schnappbewegungen des Mundes auffällt. Besser gesagt: des Schnabels, wenn wir an die konditionierten Graugänse denken. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie (wie die erwähnte Gans) Martina heißt, wundere mich aber, sie nie im Pool zu sehen, obwohl Gänse doch Wasservögel sind.

Punkt 16 Uhr also betreten beide – ich vermute aus der Sauna kommend -  leicht gerötet und Hand in Hand den Ruheraum. Sie mit einem routiniert um die Haare drapierten uringelben Handtuch und in einem fliederfarbenen Bademantel. Er: armselig unauffällig. Sie steigen in das offensichtlich zuvor schon durchwühlte Doppelbett, kriechen dabei unter riesige Badetücher  und….verhalten sich - eng umschlungen - verdächtig still. Ist ja auch ein Ruheraum. Genau 12 Minuten lang. Dann stehen sie auf und verschwinden Hand in Hand irgendwo in der Tiefe des Raums.
Es irritiert mich, wenn die beiden bereits eine Minute vor oder erst eine Minuten nach 16 Uhr erscheinen, also total unpünktlich sind. Was mag passiert sein? Warum ist das Dasein dieser beiden Menschenkinder offenbar aus den Fugen geraten? Oder haben wir es nur mit einem schlampigen „Laisser-faire“ zu tun?
Neulich erschien er sogar einmal alleine, allerdings, das muss ich zu seiner Ehrenrettung betonen, pünktlich, Schlag 16 Uhr. Ich spekulierte: Ehekrach? Oder hat er sie etwa umgebracht, weil er ihre schleimige Anhänglichkeit nicht mehr ertragen konnte? Konrad Lorenz wird seine Gans Martina ja auch irgendwann verspeist haben, und das, obgleich er festgestellt hatte, dass kaum ein Lebewesen in persönlicher Freundschaft, in ehelicher Treue, im Auftreten gegenüber Fremden sich so analog zum Menschen verhält wie sein geliebtes Federvieh. Dabei bemerkte er allerdings auch, dass Gänse keineswegs monogam leben, was er mit den Worten kommentierte: "Gänse sind auch bloß Menschen."

Dies alles geht mir durch den Kopf bei meinen abgezählten Bahnen im Pool und den gymnastischen Bemühungen mit den Wasserhanteln und meinem Kampf gegen deren Auftrieb, stets von 16:14 Uhr bis 16:36 Uhr. Vier verschiedene Übungselemente, jeweils 50-mal ausgeführt.

Nach erneutem Duschen, Haare waschen, föhnen und Ankleiden verlasse ich dann mein Sportstudio immer nach zwei Stunden und drei Minuten, also um 17:02 Uhr.
Stark ausgeprägte oder starre Gewohnheiten sind, wie ich kürzlich las, unserer Kreativität abträglich. Um dieser Gefahr nicht zu erliegen, habe ich gestern - als Ausgleich zu meinen Ritualen - meine eingerostete geistige Aktivität in Gang gesetzt und diese Geschichte aufgeschrieben. Natürlich wie immer in solchen Fällen, nach Rückkehr vom Sport, also von 17:25 Uhr an, selbstverständlich im Format DIN A 4 und mit dem Schrifttypus Arial 14.

Und nun seid Ihr dran! Denn natürlich spekuliere ich wie immer bei einer Lesung am Ende auf etwas Beifall. Oder heute nicht? Als Gewohnheitstier würde ich so eine Situation kaum überstehen. Das wäre dann mein St. Martinstag. Darum: Herzlichen Dank im Voraus!