Das kleine Dorf Zschadraß, das man zu Recht auch als „stilles Örtchen“ bezeichnen könnte, schläft am Zusammenfluss der Freiberger und der Zwickauer Mulde inmitten des Sächsischen Burgen- und Heidelandes. Das wird Euch jetzt etwa so viel sagen, als redete ich über ein Provinznest in der fernen Inneren Mandschurei. Aber dass Zschadraß uns bislang nicht geläufig war, mag auch an der Unaussprechbarkeit dieses Namens liegen. Wohlweislich haben wir Deutsche solche Zischlaute normalerweise unseren slawischen Nachbarn überlassen. Aber gut, nun müssen wir mit Zschadraß leben! (Zwecks Vermeidung weiterer Verrenkungen meiner Zunge, nenne ich Zschadraß ab sofort nur noch: „das Dorf“.)

Von eben diesem „Dorf“ ist deutschlandweit nur ein einziger Einwohner bekannt, womit er sich schon gewisse Verdienste erworben hat. Zum Ehrenbürger ernannt wurde er allerdings nicht, jener Gert Postel, der von 1995-97 in der örtlichen psychiatrischen Klinik als Oberarzt angestellt war, bevor er enttarnt wurde. Nein, diesmal ging es nicht um Stasi-Spitzelei! Postel war ein eloquenter Hochstapler und Urkundenfälscher, ganz ohne medizinisches Studium. Dass es dem falschen Arzt aus dem sächsischen Hinterwald sogar durch Fürsprache eines Münsteraner Bischofs gelang, von Papst Johannes Paul II. in Rom in Privataudienz empfangen zu werden, spricht für ein über alle Zweifel erhabenes Talent zur Irreführung der Menschen, eine Fähigkeit, die sowohl falschen Doktoren, aber auch echten Kardinälen und Päpsten zugesprochen werden darf.                                                                                                                    

Gefragt nach dem Titel seiner Doktorarbeit, antwortete Postel stets - ohne jemals Argwohn zu erzeugen - wie folgt: „Meine Dissertation trägt den Titel: ‚Über die Pseudologia phantastica am literarischen Beispiel der Figur des Hochstaplers Felix Krull nach dem Roman von Thomas Mann und die kognitiv induzierten Verzerrungen in der stereotypen Urteilsbildung‘“.  Wow, das machte Eindruck im „Dorf“!

Neuerdings kommt nun aber dieses sächsische Nest als Standort eines ungewöhnlichen Museums ins Gespräch. Dabei geht es ebenfalls um Phänomene der menschlichen Heilkunst. Diesmal steht nicht die dort ansässige Psychiatrie mit ihren gut 100 Betten (immerhin eins für jeden 30. Einwohner) im Zentrum eines medialen Hypes. Seit ein paar Jahren beherbergt unser „Dorf“ ein Dentalmuseum, das entstehen konnte, weil man nach der Wende in Zahnarztpraxen und Laboren der wie ein fauler Zahn vergammelten Ex-DDR Erneuerungsbedarf verspürte.
Die Realisierung der versprochenen „goldenen Landschaften“ ließ selbst die Goldzähne in neuem Licht erstrahlen. Zangen, Bohrer, Spritzen, Wangenhalter und Wurzelheber, all die Instrumente dieser makabren Innung hatten nicht gerade das sehnlich erstrebte „Weltniveau“ und wurden - wie das arme Ampelmännchen - bereits nach der Wende peu à peu ausgetauscht gegen neuste Elektronik.
Mundkameratechnik, auch „intraorale Kamera“ genannt, Laser als so genannte „sanfte Alternative“ sowie elegant-geformte Behandlungsstühle aus Designerhand nahmen Einzug. Mit so viel Hightech hätte vermutlich selbst der falsche Dr. Postel segensreich plombieren und extrahieren können. Während nun die dentalen Wunderwaffen zur Aufrüstung ostdeutscher Praxen beitrugen, wurden die musealen Altbestände einfach aussortiert. (Das galt übrigens oft genug auch für die Menschen, sogar für Zahnärzte, - soweit man diese Ungeheuer überhaupt als Menschen bezeichnen kann!) Mit den fabelhaften neuen Mikroskopen z.B. hätte man vermutlich an den alten Folterinstrumenten noch blutige Reste paradontal verseuchter Vorfahren aus der frühen Steinzeit entdecken können.

All diese Reliquien einer vergangenen Epoche wurden nach der Auflösung erster Praxen und Labore im „Dorf“ von Sammlern gehortet. Oknophilie nennt die Medizin so eine Sammelwut, und man hört im Geiste noch den alten Erich Honecker jubeln: „Die Oknophilie in ihrem Lauf, hält weder Ochs‘ noch Esel auf.“
Sogar Universitätskliniken stellten ihre Exponate zur Verfügung. Privatsammler schlossen sich an. Auf dem Museumsgelände, immerhin
11 000 Quadratmeter groß, sollen später noch eine Bibliothek, ein Technikum und ein Gästehaus entstehen. Gästehaus! Urlaub auf dem Bauernhof,- das war einmal!

Was ist schon die Besichtigung dümmlich glotzender Kühe in klinisch sauberen Ställen gegen den Nervenkitzel einer Grusel-Show mit einem einstmals in mehr oder minder sensiblen Akademikerhänden geführten Instrumentarium, das aus versifften Zahnarztpraxen unserer Brüder und Schwestern stammt? Und das für einen Eintrittspreis von schlappen 3 €!

Und nun trete ich in diese Geschichte ein. Ich spiele nämlich mit dem Gedanken, mich gegen eine angemessene Bezahlung als - immerhin noch lebendes - Ausstellungsobjekt zur Verfügung zu stellen. Als Rentner ist man schließlich für jede Form einer sinnlosen Beschäftigung zu haben. (Zur Not liest man sogar seinen Mitmenschen gegen Bezahlung merkwürdige Geschichten vor!)

Mit einem einzigen Blick in meinen weit geöffneten Mund bekämen nämlich die Museumsgäste einen kompletten Eindruck von der Geschichte der Zahnmedizin der letzten sieben Jahrzehnte, - mit der winzigen Einschränkung, dass ich mit einem „dens deciduus“, einem übrig gebliebenen Milchzahn, leider nicht dienen kann. Aber mit der Vielfalt meiner Zweiten und Dritten kann ich protzen, mit jeder Art von Plomben mit und ohne Amalgam, mit Stiftzähnen, Kronen aus Gold oder mit Keramik verblendet, hinten - außer Sichtweite - unverblendet) und mit mehreren Implantaten. Mein Mund, ein einziges Dentalmuseum!

Als mein Zahnarzt kürzlich in den Ruhestand ging, ließ er mich wissen, dass ich in seinen vergilbten Unterlagen die Patientennummer 1 trug. Ich war zeit seines langen Berufslebens sein kontinuierlicher und zuverlässiger Sponsor gewesen. Jesus Christus musste im Gegensatz zu mir nur eine Woche lang, in der Karwoche, seine Passion erdulden. Meine Leidenszeit, die mit 28, später sogar 32 zunächst noch gesunden Zähnen begann, ist hingegen nach Jahrzehnten noch immer nicht beendet, nein, die Zahl der in meinen Mund eingeschweißten Ersatzteile nimmt kontinuierlich zu: Schmerz, Qual und Drangsal, mein lebenslänglicher Dornenweg!  

Wieviel Geld mein Zahnklempner im Laufe seiner dentalen Umtriebe an mir verdient hat, kann ich nur erahnen. Der Mann fährt Porsche und eine Harley, von mir mitfinanziert. Vielleicht führt ihn sein Weg ja auch mal ins Dentalmuseum ins Dorf mit dem unaussprechlichen Namen. Und wenn ich bis dahin den Job als Ausstellungsobjekt gefunden habe, wird mein alter Zahnarzt, der mir schon immer im wahrsten Sinne des Wortes auf die Nerven gegangen ist, gegen Ende seines und meines Lebens noch ein letztes Mal sein Artefakt bestaunen. Sicherlich nicht, ohne mir vorher zu befehlen: „Zähne zusammenbeißen und Mund aufmachen!“