In der Schule gehörte ich eher zu den Gescheiterten als zu den Gescheiten. Kein Wunder, hatte mein Gymnasium doch den hehren Anspruch, eine Art Elite ausbilden zu wollen. Fürs Abi reichte es dann doch noch, wenn auch nur mit Mühe und vor allem, weil bei der Reifeprüfung nicht die strengen Maßstäbe unserer ausnahmslos männlichen und noch in der Nazizeit pädagogisch gestählten Lehrer galten, sondern die weitaus weniger anspruchsvollen Vorgaben des schleswig-holsteinischen Kultusministeriums.

Aber zuvor hätte ich eigentlich nach jeder Klassenarbeit - egal ob Mathe, Chemie oder Latein – über eine weitere 4 minus oder 5 überglücklich sein müssen. Dieses Hochgefühl jedoch blieb mir versagt. Ein Mensch wie Sebastian Rabsahl war nämlich zu jener Zeit noch nicht geboren. Und folglich konnte ich die Ratschläge des Poetry Slam Meisters und Kabarettisten – bekannt unter dem Künstlernamen „Sebastian 23“ - noch gar nicht kennen, jenes Büchlein, das einen verheißungsvollen und auch verkaufsträchtigen Titel trägt: »Endlich erfolglos!«

 

Das hätte in meiner Schulzeit schon gepasst! Mit schlechtem Gewissen schlich ich mich nämlich oft genug nachhause, um meiner allein erziehenden Mutter mitteilen zu müssen, dass ihr Sohn den Schulbetrieb so innig liebe, dass er doch gerne noch ein Jährchen ranhängen würde. Von diesem Vorsatz machte ich bereits als 14-Jähriger Gebrauch. Ich blieb sitzen, Klassenziel nicht erreicht. Gescheitert! Sebastian 23 hätte mir dazu gratuliert. Weniger gefallen hätte ihm vermutlich, dass ich fortan in Sachen Lernerfolg und bessere Noten einen gewissen Ehrgeiz entwickelte, zumal unsere finanziellen Möglichkeiten ganz entschieden gegen eine weitere Verlängerung meines Schülerdaseins sprachen.

 

Hätte mir Sebastian 23 neben seiner schriftlichen Unterweisung auch eine Einzeltherapie zuteilwerden lassen, dann hätte er mir ins Gewissen geredet. „Junge“, hätte er gesagt, „Du warst doch auf einem so guten Weg. Gescheitert schon in der Untertertia, wie geil ist das denn?!“

Wie ein Wanderprediger versucht er uns auf den rechten Weg zu bringen, nämlich, auf „Selbstoptimierung“ und das Bemühen um Perfektion zu verzichten, weil unsere Ziele ohnehin nie erreichbar sind. Scheiß also auf die von diversen Gurus gepredigte ausgewogene „Work Life Balance“, sei es bei der Ernährung, beim Sport oder bei unseren „Bucket Lists“! „Bucket Lists“? Das sind jene Dinge im Leben, die man schon immer gerne mal machen wollte, aber noch nie gemacht hat und auch nie mehr machen wird. Eine Art Versprechen, das wir uns selbst gegeben haben und das uns nun ständig in Zugzwang versetzt. Zum Beispiel Bungeespringen oder Esperanto lernen, möglichst sogar beides gleichzeitig.

 

Endlich erfolglos!“ Bisher sind dieser Theorie allerdings nur einige Politiker gefolgt…und die Kicker des HSV, die uns St. Paulianern in den letzten Jahren so viel Freude gemacht haben. Die reiben sich nämlich, so war von einem irritierten Zeugwart zu erfahren, in der Mannschaftskabine fröhlich die Hände und empfinden keineswegs nur klammheimliche Freude, wenn sie mal wieder gegen einen Provinzclub zu Null gespielt haben, - wobei die Null auf ihrer Seite steht. Und das als Rekordmeister, nämlich deutscher Meister im Trainerverschleiß.

 

Die Tatsache, dass ich nach meiner Schulzeit und noch während meines Studiums Journalist beim NDR wurde, was ich selbst als wunderbare Fügung meines Schicksals empfinde, wird die Gemeinde jenes Sebastian 23 als eine geradezu perfekte Spielart des Scheiterns interpretieren. Studienabbruch und ein Leben bei einem Mainstream-Medium: Gibt es einen besseren Weg durch die Unvollständigkeit des menschlichen Daseins?

 

Diese grundsätzliche Frage hatte ich mir zuvor allerdings noch nie gestellt, - außer in einigen Alltagssituationen. Zum Beispiel, wenn ich eingedenk der Unvollkommenheit meines technischen Verständnisses ins Handbuch „Microsoft Word für Windows 2.0“ schauen muss, laut Hersteller (und gleichzeitig Täter) „ein visuelles, interaktives Referenzhandbuch…, praxisnah und kompetent“. Da heißt es dann:

 

"Indem Sie die Druckformatvorlage des Dokuments mit der Druckformatvorlage der Druckformatvorlage verbinden, können Sie die Druckformatvorlage der Dokumentenvorlage aktualisieren. Wenn Sie die Druckformatvorlage eines Dokuments mit der Druckformatvorlage einer Dokumentenvorlage verbinden, ersetzen die Druckformatdefinitionen des Dokuments die gleichnamigen Druckformatdefinitionen der Dokumentenvorlage.“

 

Ihr sagt jetzt vermutlich alle: „Ist doch sonnenklar!“ Und ich, der ich solche Momente bislang als Erniedrigung empfand, sage nun auch: „Oh, wie geil ist das denn!?“ Mein Hang zur Selbstoptimierung, den mir Sebastian 23 mit seinem Buch madig gemacht hat, hat seine Grenzen erreicht. Ich bin auf bestem Wege, mich endlich selbst zu pessimieren, wie unser Sebi das nennt.

 

Aber Gebrauchsanweisungen können auch hilfreich sein, selbst für mich, der ich normalerweise schon beim 1. Kapitel die Segel streichen muss. Da habe ich also eine Weihnachtsillumination erstanden und möchte mich in finsterer Jahreszeit am warmen, wonnigen Licht einer elektrischen Leuchte erfreuen. Mein kleiner Armleuchter!

Während sich alle Jahre wieder die Englein aus dem Himmel zu uns begeben, kommt jenes Lichtlein aber aus dem nicht ganz so fernen Japan. Und ich lese auch hier die Bedienungsanleitung:

 

"Sie bekomen nicht teutonische Gemutlichkeit fuer trautes Heim nur, auch Erfolg als moderner Mensch bei anderes Geschleckt nach Weihnachtsganz aufgegessen und laenger, weil Batterie viel Zeit gut lange. Zu erreischen Gluckseligkeit unter finstrem Tann, ganz einfach Handbedienung:

1. Auspack und freu.

2. Slippel A kaum abbiegen und verklappen in Gegenstippel B fuer Illumination.

3. Mit Klamer C in Sacco oder Jacke von Lebenspartner einfraesen und laecheln fuer Erfolg.

4. Fuer Weihnachtsfeierung setzen auf Tisch.

5. Fuer kaput: Beschweren an: wir, Bismarckstrasse 4.

Fuer neue Batterie alt Batterie zurueck fuer Sauberwelt in deutscher Wald."

 

Ich stelle fest: Das kapier‘ sogar ich und freue mich, weil das Lichtlein tatsächlich brennt. Dem Autor der Bedienungsanleitung ist zwar die Selbstoptimierung beim Gebrauch der deutschen Sprache nicht unbedingt gelungen, aber er hat mein Herz erobert. Sebastian 23 hat zumindest recht mit seiner Feststellung, dass eine Hummel vergleichsweise fetter ist als wir, aber wenigstens entspannt fliegen kann.

 

Und wenn Ihr, liebes Publikum, mir jetzt am Ende dieser Geschichte Euern Beifall versagen solltet, dann freue ich mich und sage mir:

Glücklich gescheitert!“